WÜRZBURG. – "Mensch Maria" ist eine kleine Ausstellung, doch sie sorgt für großen Wirbel. Kaum nämlich hatten einige fränkische Künstler ihre unkonventionellen Mariendarstellungen der Öffentlichkeit präsentiert, da begann der Ärger. Die Bischofsstadt am Main hatte ihr Stadtgespräch – manche würden wohl auch sagen: ihren Skandal. Denn "Mensch Maria" (die Assoziation zu "Mensch Meier" ist durchaus beabsichtigt) steht nicht in der Tradition verklärender Heiligenverehrung, sondern will die Mutter Jesu in ihrer menschlichen, irdischen Gestalt zeigen. Und als diese "freut sie sich und leidet, liebt und erfährt Enttäuschung, ist glücklich und wird in Verzweiflung geführt, erlebt Geburt und sieht sich dem Tod gegenübergestellt", schreibt Jürgen Lenssen, Domkapitular und Initiator der Ausstellung, im Katalog zu "Mensch Maria".

Vielen Gläubigen geht das zu weit. Sie sind einen Marienkult gewohnt, der sich jenseits von Fleisch und Blut, von menschlichem Glück und Unglück bewegt. Vor allem war ihnen jedoch ein Dorn im Auge, daß nicht irgendein Kunstverein diese Ausstellung organisierte, sondern ausgerechnet ihre Diözese, die damit das 1250jährige Bestehen des Bistums Würzburg feiern wollte. Als dann auch noch bekannt wurde, daß die Gottesmutter auf einigen Kunstwerken allzu spärlich bekleidet erscheint, wenn nicht sogar völlig nackt – machten strenggläubige Katholiken gegen "diese Schande" mobil.

Von "Blasphemie" und "Pornographie" war die Rede; die Schmerz-Maria-Bruderschaft, an der Spitze der Gegner, forderte in einem offenen Brief an Bischof Paul-Werner Scheele, die Ausstellung umgehend zu schließen. Als sie damit nicht durchkam, wandte sie sich an den Päpstlichen Nuntius in Bonn, um ein Verbot von "Mensch Maria" zu erwirken.

Wochenlang erbebten die Leserbriefspalten im katholisch-konservativen Volksblatt unter geradezu alttestamentarischen Donnerworten. Mit der Losung "Landgraf werde hart!" ermunterte ein katholischer Geistlicher den Bischof, seinen Glaubensbruder Jürgen Lenssen gefälligst in die Wüste zu schicken. Ein anderer Amtskollege sah sich allein durch den Ausstellungstitel von "Mensch Maria" zu einer "Sühne-Andacht" veranlaßt.

Nicht zimperlich auch die Vorwürfe aus dem schlichten Volk der Kirchgänger und Marienverehrer. "Schamlos", "obszön", "entartet", "von kranken Menschen geschaffen", "eine Beleidigung für das normale Volksempfinden" lauteten die Schmähvokabeln. Den Vogel schoß allerdings ein anonymer Anrufer ab, der meinte, mit dem Domkapitular sei genauso zu verfahren wie mit Salman Rushdie. Wie die eher liberale Main-Post herausfand, hat kaum jemand aus der zornigen Kritikerschar die Ausstellung je besucht.

Aber egal – Würzburg schäumte. Um so mehr ist man verwundert, wenn man die Ausstellung in der kleinen Galerie "Marmelsteiner Kabinett" dann wirklich sieht. Denn, verglichen mit anderen Präsentationen zeitgenössischer Kunst, herrscht hier ein himmlischer Frieden. Die Provokation hält sich in Grenzen, an den Exponaten fällt eher eine gewisse Ängstlichkeit auf als die Lust, Tabus zu verletzen. Sicher, hinten im äußersten Winkel der Galerie, ist auf einer schrägen Leinwand tatsächlich eine nackte Maria mit gespreizten Beinen zu sehen. Eine andere Mariendarstellung beschränkt sich ganz auf ein ausgeleiertes, stark verschmutztes Leibchen, das, an einem Kleiderbügel aufgehängt, hoch im Raum schwebt und von ferne an eine Kreuzigungsszene erinnert.

Besonders schockiert zeigten sich viele Würzburger jedoch von einem der künstlerisch anspruchsvollsten Bilder. Es trägt den Titel "Maria mit dem Embryo" und zeigt nur eine überdimensionierte, stark verfremdete Gebärmutter – von Maria selbst ist auf dem Bild nichts mehr zu sehen. "Eine einzige Zumutung. Mir fehlen die Worte", schrieb eine Besucherin den Veranstaltern dazu ins Stammbuch.