Von Bernd Loppow

Die acht Chinesen rund um den gescheuerten Holztisch klatschen begeistert den Rhythmus der philippinischen Mariachi Band. Vor ihnen stehen acht Glaskrüge schäumenden Biers. Bereits zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde müssen die Musiker den Gassenhauer "Take me home, country roads" von John Denver intonieren. Die trinkfeste Truppe ist nach dem Konzert des amerikanischen Folkrock-Altstars noch auf einen Sprung in den "Paulaner-Keller" eingekehrt. Auf den Bierdeckeln markiert der Kellner bereits die fünfte Runde frischgezapften bayerischen Gerstensafts. Er räumt die geleerten Apfelkorngläser ab und die Teller mit den Knochen der sorgfältig abgeschälten Schweinshaxe.

Der "Paulaner-Keller" liegt im Lufthansa-Kempinski-Hotelkomplex am Rande der Innenstadt von Peking, der erst vor kurzem eröffnet wurde. Das Lokal ist die derzeit beliebteste Kneipe in der Neun-Millionen-Metropole.

"Die Chinesen lieben deutsches Bier", freut sich Geschäftsführer Harald Merkel über das florierende Geschäft. Die Einheimischen wurden neben deutschen Residenten, die sich bei Weißwurst, Leberkäs und nach deutschem Reinheitsgebot gebrautem Bier einem Stückchen Heimat hingeben, einer zunehmenden Schar von Geschäftsleuten aus Hongkong und Besuchern aus Taiwan schnell zu seinen besten Kunden. Die Chinesen fasziniert dieses autarke Stück Deutschland mitten in Peking, das sein Bier selbst braut, Laugenbrezeln bäckt und dessen Schlachtermeister stolz ist auf die 150 selbsthergestellten Sorten deutscher Wurst. Und das lassen sie sich etwas kosten. "Paulaner"-Chef Merkel: "Sie trinken die teuersten Schnäpse und zücken am Ende ein dickes Bündel Geldscheine oder zahlen mit American Express, bevor sie draußen in den Mercedes steigen."

Nur wenige Meter entfernt in der You Yi Shopping City, die ebenfalls zum Lufthansa-Beijing-Center gehört: Auf den fünf Etagen des neuesten Konsumtempels Pekings drängen sich die Menschen um die über 300 000 Artikel, die es hier zu kaufen gibt. Hier können sie jene Warenwelt bewundern, die von der Fernsehwerbung in fast jeden Haushalt Pekings getragen wird: modernste japanische Hi-Fi-Technik, edle Anzüge westeuropäischer Designer, handgenähte Schuhe aus Italien für knapp 600 Mark. Die Ledersitzgruppen kosten ein Vielfaches der 2500 Yuan, rund 650 Mark, die ein Industriearbeiter im Jahr verdient. Doch die Chinesen staunen nicht nur, sie kaufen auch. Der Andrang in der Kosmetikabteilung ist so groß, daß Frauen für einen Lippenstift eine halbe Stunde anstehen müssen.

Peking im Oktober: Mit der "sozialistischen Marktwirtschaft" hat die chinesische KP nun auch in das Parteiprogramm geschrieben, was die Reformer um Deng Xiaoping seit Jahren propagieren. Die Staatsführung hofft, ihre Macht über eine der letzten Bastionen des Kommunismus mit Hilfe des freien Spiels der Kräfte von Angebot und Nachfrage zu retten. Die Folge: Was sich derzeit in Peking abspielt, ist Kapitalismus in Reinkultur. Aber nur auf den ersten Blick sind die Folgen sozialistischer Mangelwirtschaft aus dem Straßenbild verschwunden.

Auf den Obst-, Fleisch- und Gemüsemärkten, die die Straßen säumen, gibt es alles zu kaufen, was in den Regalen der staatlichen Handelsläden fehlt oder nicht in ausreichender Menge zu haben ist. Die Stände quellen über von Eiern und Blumenkohl, Äpfeln und Bananen, Ananas und Trauben – allerdings zu Preisen, die weit über den staatlich festgelegten liegen.