Von Christoph Dieckmann

Potsdam

Endlich. Stolpe gibt es zu. „Ich habe nicht in doppeltem Sold gestanden“, sagt er; der Saal ist totenstill. „Ich war ein Mann der Kirche. Aber“, und nun kommt, worauf viele mehr warten als auf jede Stasi-Konfession, „wer mit dem Teufel Suppe ißt, bekleckert sich den Schlips. Ich litt nicht zu erheblich in der DDR. Ich habe es genossen, mein Blanko-Mandat, mit den Mächtigen zu handeln. Ich lächelte nicht gern und nicht ungern an ihrer Seite. Es ist wahr, ich glaubte nicht, die Russen würden je verzichten auf ihr Faustpfand DDR. Und darüber sollte meine Lebenszeit verstreichen, als Chef einer miefigen Kirchenbehörde? Ich hatte – bei Kirchens ein Tabu – Ehrgeiz und Talent zur Macht. Ich war und bin Manager. Taktik wurde mein Wesen. Das Konspirative des antiöffentlichen Staates DDR kam meinem Naturell entgegen. Was die DDR so klein sein ließ, hat mich erhöht.“

Schweigen. Still sitzt er da, das Haupt gesenkt. Der Ausschußvorsitzende Bisky klappt die Hefter zu. Chefankläger Nooke verläßt seinen Platz, tritt zum Zeugen und legt ihm die Hand aufs Kreuz. „Bruder Stolpe, wir vergeben Ihnen.“ Stolpe blickt auf: „Und meine Brandenburger?“ – „Die sowieso.“

So ist es natürlich nicht gelaufen am Freitag letzter Woche in Potsdam. Von Blitzlicht umwettert, erschien Manfred Stolpe vor dem Untersuchungsausschuß, als probte er den Auftritt mit der Queen. Er bitte um Verständnis, doch sei seine christliche Demut am Ende. Zehn Monate Vorurteil und Medienhatz! Aplomb: „Ich frage – Sie, meine Damen und Herren hier im Saal und die deutsche Öffentlichkeit: Kennen Sie jemand, der zur Mauerzeit in mehr hoffnungslosen Fällen geholfen hat?“ Da werde man – er mäßigt sich – „höchstens zehn finden, vielleicht sogar weniger. Was sich hier abgespielt hat in den Äußerungen von Herrn Rainer Eppelmann, war eine einzige Unverschämtheit und Beleidigung.“ Verrat warf ihm Eppelmann vor, während er, der Landesvater, ruhelos die Mark bereiste, sich ums Kraftwerk Jänschwalde sorgte und dem Recht aufhalf gegen die Rechtsradikalen, „damit wir hier in Brandenburg rauskommen aus dem schwarzen Loch. Ist ja schön, daß es hier keine anderen Sorgen gibt als ’ne Stasi-Medaille.“

Es gab sie. Eppelmann griff tiefer. Zum Vorschein kam das Elend des Fundamentalisten. Einen anderen Stolpe habe er damals kennengelernt: immer hilfreich, jedermanns offenes Ohr, wenn’s gegen Willkür ging. Stolpe besorgte Kopiertechnik „auf diplomatischen Wegen“, schützte Eppelmanns Berliner „Bluesmessen“ für randständige Jugend vor staatlicher Schikane und holte ihn 1982 aus der Haft. Dorthin hatte den borstigen Pfarrer der mit Robert Havemann verfaßte „Berliner Appell“ gebracht.

Später kam Stolpe zu ihm nach Hause: Ob er nicht Superintendent in Havelberg werden wolle? „Da habe ich als Fachschultheologe mich gefreut, daß der höchste Jurist der Kirche erkannt hat: Eppelmann kann was.“ Es ist sein bester Satz. Die Eitelkeit menschelt, je näher man kommt. Eppelmann: ein romantischer Parvenu der Opposition. Der gelernte Maurer, der Landsknecht brachte es zum Ritterschlag. Nun liest er Akten aus der alten Zeit und erlebt, daß der große geliebte Stolpe ihn mit Kalkül behandelt hat und nicht von Gleich zu Gleichem. „Ich sollte weg aus Berlin.“