Von Frank Thomsen

Für die siebenjährige Aziza wird das Herumtollen mit ihren Geschwistern ein paar Minuten lang zur Nebensache. Neugierig mustert sie den fremden Gast: Immer seltener stoppen Autofahrer an dem kleinen Imbißstand ihrer Eltern an der Old Genting Road. Wer heute vom Millionen-Moloch Kuala Lumpur ins Genting-Hochland will, nimmt die neue Fernstraße. Die Genting Highlands haben sich zum Las Vegas Malaysias gemausert; an jedem Wochenende träumen hier die Jungen und Schönen vom großen Geld.

Obwohl die Träume nur selten in Erfüllung gehen, boomt das Geschäft mit dem Glück in den Bergen der nahen Hauptstadt. Der malaysische Mittelstand, der sich seit einigen Jahren herausbildet, verdient gut und gibt das Geld auch gern aus – nicht nur fürs Glücksspiel. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Ausgaben für den privaten Konsum um über zehn Prozent gegenüber 1990. Jeder zehnte Malaysier besitzt inzwischen ein Auto, jeder zehnte ein Telephon; auch Kühlschränke und Fernseher sind verbreitet.

Vordergründig weisen die meisten wirtschaftlichen Indikatoren Malaysia, das bei einer Größe der heutigen Bundesrepublik lediglich achtzehn Millionen Einwohner zählt, als asiatisches Musterland aus. Seit dem Ende der Rezession Mitte der achtziger Jahre wächst die Wirtschaft jährlich mit über acht Prozent. Für 1992 prognostiziert die Asian Development Bank Malaysia das größte Wachstum in ganz Asien. Investoren aus dem In- und Ausland stehen Schlange, allein in Kuala Lumpur sind Hunderte von Baukränen im Einsatz. Die Zeiten, da Malaysia nur auf seine Rohstoffe angewiesen war, sind vorbei. Zwar gehört der islamische Vielvölkerstaat noch immer zu den größten Exporteuren von Kautschuk, Holz und Palmöl, doch der Anteil der Naturprodukte an der gesamten Ausfuhr sinkt. Klimaanlagen und Halbleiter sind die neuen Exportschlager. Ein Viertel der Exporteinnahmen erzielt das Land inzwischen mit Industrieprodukten.

Die Perspektive erscheint rosig: Malaysia, das Schwellenland im Fieber des Wirtschaftswachstums, will schon bald die kleinen Tiger Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong eingeholt haben und im Jahr 2020 im Kreis der vollentwickelten Industrienationen begrüßt werden. So jedenfalls sieht es die ehrgeizige „Vision twenty-twenty“ des Ministerpräsidenten Datuk Seri Mahathir Mohamed vor. „Dr. M.“ – so nennt die regierungsfreundliche Presse den gelernten Arzt – hält Malaysia seit elf Jahren mit harter Hand auf Expansionskurs. Dazu dienen Mahathir und seiner großen Regierungskoalition Barisan Nasional ein riesiger Staatsapparat, zahllose staatliche Programme und Institute, Fünfjahrespläne und vor allem ein Development Plan, der die wirtschaftspolitische Richtung vorgibt.

Wer in Malaysia aus diesen Schranken ausbricht, kommt nicht in den Genuß von Investitions-, Ausbildungs- oder sonstigen Förderungen. Rafidah Aziz, die an der Spitze des Ministeriums für internationalen Handel und Industrie (Miti) steht, gibt gleichsam die Losung der Regierungspolitik aus, wenn sie sagt: „Wer sich in diesem Land allein gelassen oder zurückgesetzt fühlt, muß entweder faul oder ein Einzelgänger sein.“ Individualität ist in der demokratischen, föderativen Wahlmonarchie nicht gefragt. Und wie die gesamte Regierung, so ignoriert auch Rafidah Aziz das latente Rassenproblem des Landes, in dem Malaien (55 Prozent) mit Chinesen (35 Prozent) und Indern (10 Prozent) auskommen müssen.

Segregation gehört hier zum Alltag. Zwar befriedet vor allem die wirtschaftliche Blüte seit über zwanzig Jahren das Land, doch die Spannungen sind seit der Unabhängigkeit 1957 nie wirklich verschwunden. Die islamischen Malaien, die qua Verfassung als Bumiputras, Söhne der Erde, gelten, genießen allerorten Privilegien – an den Unis, bei der Jobsuche, als Geschäftsleute. Am umstrittensten ist das Hauptziel der Regierung, daß einmal dreißig Prozent der Wirtschaft in Bumi-Besitz liegen sollen. „Die malaysische Regierung behandelt uns Chinesen und die Inder wie Menschen zweiter Klasse“, schimpft ein chinesischer Reisebüro-Besitzer auf der Ferieninsel Langkawi. „Dabei haben die Malaien allein keine Chance: Ohne die Inder gibt es in Malaysia keine Arbeiter, ohne die Chinesen kein Geld.“ Tatsächlich werden die Inder meist auf den Plantagen oder beim Holzschlagen zu Niedrigstlöhnen ausgebeutet, während die Chinesen als clevere Geschäftsleute den Handel dominieren.