Von Lutz Häfner

Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewußtsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat.“ Mit diesen Worten charakterisierte Lenin in seinem Ende Dezember 1922 geschriebenen Testament Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt unter seinem Pseudonym Trotzki.

Trotzki war eine der schillerndsten und charismatischsten Personen des 20. Jahrhunderts. Geboren im ukrainischen Gouvernement Cherson am 7. November 1879 – dem Tag, an dem 38 Jahre später, nämlich 1917, unter maßgeblicher Beteiligung Trotzkis der Oktoberumsturz in Petrograd stattfinden sollte –, schloß er sich früh der russischen Sozialdemokratie an. Er avancierte rasch zu einem ihrer hervorragendsten Exponenten, war in der Russischen Revolution von 1905 Vorsitzender des Sowjets von St. Petersburg, trat aber erst im August 1917 der Partei Lenins, den Bolschewiki, bei, in deren ZK er sofort gewählt wurde. Im ersten Kabinett Lenin bekleidete er zunächst das Außenressort, ab März 1918 leitete er das Kriegskommissariat. Trotzki, der sich bis dahin durch seine unermüdlichen propagandistischen Auftritte den Ruf eines eloquenten und rhetorisch versierten Agitators erworben hatte, stellte nun eine weitere Facette seines vielfältigen Talents unter Beweis, nämlich die eines fähigen Organisators.

In den Jahren der Bedrohung der Sowjetmacht von Ende 1917 bis 1920, der Periode des Bürgerkriegs und der alliierten Intervention, befand sich Trotzki auf dem Gipfel der Macht: Er war neben Lenin der unbestrittene Führer der Russischen Revolution. Doch diese Position barg bereits den Keim des kontinuierlichen Abstiegs: 1925 trat er vom Amt des Kriegskommissars zurück, 1926 wurde er aus dem Politbüro, 1927 aus dem ZK der bolschewistischen Partei ausgeschlossen, 1928 in eine entlegene Provinz verbannt und 1929 schließlich des Landes verwiesen.

Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß er bereits zu einem frühen Zeitpunkt Antipode Stalins und vehementer Kritiker des sich in der Sowjetunion etablierenden bürokratischen Regimes war, ist Trotzki in der westlichen Historiographie – trotz beträchtlicher Kontroversen bei der Bewertung seiner Verdienste und Leistungen auf den Gebieten der politischen Theorie und Praxis – oft zu einer Alternative zum Stalinismus stilisiert worden, der allerdings das Tragische einer verpaßten historischen Chance anhaftete.

Anders verhielt es sich über mehr als sechzig Jahre in der UdSSR, wo Trotzki ex cathedra zur Unperson erklärt worden war, das personifizierte Feindbild Nummer eins darstellte und als „der Ausgelöschteste der Ausgelöschten“ galt. Noch Ende 1989 bezeichnete ein Autor in der Militärhistorischen Zeitschrift Trotzki, den Begründer der Roten Armee, als „das unbegabteste, feigste und blutrünstigste Wesen, das jemals über die russische Erde gelaufen ist“. Die Entwicklung, welche die sowjetische Historiographie seit den Anfängen von Glasnost und Perestrojka bei der Bewertung Trotzkis nahm, läßt sich exemplarisch an Wolkogonow aufzeigen. Noch in seiner Stalin-Biographie (siehe ZEIT 8/1991) attestierte er Trotzki ein „Fehlen fester marxistischer Überzeugungen“, was aus ihm einen „naiven Propheten“ und „Möchtegerndiktator“ gemacht habe. Mehr noch, Wolkogonow ging so weit zu behaupten, daß Trotzki durch seine unablässige Kritik an Stalin dessen Autorität gesteigert und damit erst seinen Aufstieg zum Diktator ermöglicht habe.

In seiner Trotzki-Biographie, die nun in deutscher Übersetzung unter dem etwas reißerischen Titel „Das Janusgesicht der Revolution“ vorliegt, hat Wolkogonow seine älteren, Trotzki dämonisierenden Positionen weitgehend revidiert. Er zeichnet nun – auf der Grundlage umfangreicher Studien in den Archiven von Stanford, Cambridge, Amsterdam sowie den bislang kaum zugänglichen Archiven des KGB und der KPdSU – ein positiveres Bild Trotzkis.