Von Johannes Gründel

Der Erlanger Fall hat in der Öffentlichkeit eine ungewöhnlich emotionale Diskussion ausgelöst. Es fällt auf, daß sich jene radikalen Befürworter einer „Lebensrettung um jeden Preis“ ebenso lautstark zu Wort melden und für ein solches ärztliches Vorgehen plädieren wie jene Gruppen, die auch schon angesichts einer nur möglichen Schädigung des Kindes den Abbruch der Schwangerschaft befürworten und den Rettungsversuch als total unsinnig und pietätlos gegenüber dem Leichnam der verunglückten Frau bezeichnen.

Aus theologisch-ethischer Sicht können zu einer angemessenen Entscheidung nur einige Impulse gegeben werden.

1. Zunächst gilt der Grundsatz, daß menschliches Leben von seinem Beginn an – also auch schon im Mutterleib – des Schutzes bedarf. Doch stößt die Verpflichtung eines vorgeburtlichen Schutzes an bestimmte Grenzen. Wo es um den Einsatz intensiver Maßnahmen geht, erscheinen diese nur sinnvoll und damit verantwortbar, wenn auch begründete Hoffnung auf Erfolg besteht. Dieses Urteil obliegt dem mit einem solchen Fall befaßten Ärztegremium.

2. Unsere Gesellschaft hat zunehmend erkannt, daß es unmöglich erscheint, das Austragen eines Kindes gegen den Willen der Schwangeren mit allen nur möglichen Mitteln und unter allen Umständen zu erzwingen; sie hat unter bestimmten Umständen auf bestimmte strafrechtliche Sanktionen einer Abtreibung verzichtet, selbst wenn damit eine solche noch keineswegs als sittlich gerechtfertigt erscheint. Es wird aber damit der Lebensschutz des noch ungeborenen Lebens im Konfliktfall nicht mit allen Mitteln gegen den Willen der Mutter durchgesetzt werden können.

3. Bei der Weiterführung einer Schwangerschaft im Leib einer Toten fehlt jeder ansonsten vorhandene emotionale Bezug zwischen Mutter und Kind, der für die gesamte Entwicklung eines solchen Lebens wichtig ist. Ist der Fötus bereits so weit gewachsen, daß nur mehr wenige Wochen bis zur Entbindung fehlen, liegt unter Umständen auch eine solche künstliche Infunktionshaltung des Leichnams für den Weiterentwicklungsprozeß der Schwangerschaft nahe. Dies jedoch für einen Zeitraum von drei und mehr Monaten vorzunehmen erscheint mir äußerst fragwürdig. Wenn wir schon das Verhältnis von Mutter und Kind während der Schwangerschaft ernst nehmen, dann bedeutet dies, daß bei einem solchen Versuch ein wesentlicher Mangel bleibt. Bislang war mit dem Tod der Mutter in einem so gelagerten Fall auch der Tod des noch nicht lebensfähigen Fötus gegeben.

4. Selbst wenn die Kosten einer Behandlung zur Rettung des Lebens keine ausschlaggebende Rolle spielen dürfen, so bleibt doch – wollte man grundsätzlich alle nur möglichen Maßnahmen zur Rettung eines solchen noch nicht geborenen Lebens einsetzen – zu bedenken, daß es angesichts der Notlage in Ländern der Dritten Welt Grenzen eines derartigen finanziellen Aufwandes gibt.