HANN.-MÜNDEN. – „Die Weser – Strom und Landschaft zum Wandern, Erleben und Erholen.“ Das Fremdenverkehrsamt wirbt für Ferien am Fluß. „Wuchtige Wehrkirchen grüßen den von der See her Kommenden, längsseits die kühn in den Strom hineingebauten Hafenanlagen. Es ist ein Dorado für Wasserwanderer. Romantische Fachwerkhäuser, aufgereiht wie Perlen am Weserrand.“ Die Prospektidylle trügt. Seit der niedersächsische Bundesrats- und Europaminister der Grünen, Jürgen Trittin, im August sein Vorhaben publik machte, in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne eine Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) einzurichten, herrscht in der 10 000-Einwohner-Stadt im Südwestzipfel des Landkreises Göttingen Unruhe. Die Christdemokraten, im Stadtrat in der Opposition, liefen gegen das geplante Flüchtlingssammellager Sturm. Eine „Bürgerinitiative gegen die ZASt“ machte mobil und klebte Plakate. Sogar die Grüne Wählergemeinschaft moserte gegen die „obrigkeitsstaatliche Politikauffassung“ der Landesregierung in Hannover.

Der alltägliche Provinzkonflikt um eine Flüchtlingsunterkunft wäre wohl auf lokaler Flamme weitergeköchelt, hätte sich Anfang Oktober nicht das Management der ortsansässigen Firma Weser-Metall-Umformtechnik GmbH (WMU) eingemischt. Das mittelständische Unternehmen setzt als Zulieferer für Volkswagen und andere Autoproduzenten jährlich rund vierzig Millionen Mark um, zahlt zwanzig Millionen Mark Steuern und bietet 150 Mitarbeitern ein gesichertes Auskommen. Sein Betrieb, schrieb WMU-Geschäftsführer Wilfried Lengert an Mündens Oberstadtdirektor Karl-Wilhelm Lange, sei gegen eine ZASt – schon aus grundsätzlichen Erwägungen. Berichteten doch die Medien fast täglich „von den zum Teil kriminellen Übergriffen“ der Asylbewerber, von denen nur „ein verschwindend kleiner Teil tatsächlich als Asylanten einzustufen ist“. Diesem Mißbrauch müsse Einhalt geboten werden, „bevor wir in der Bundesrepublik total überschwemmt werden“. Für Hann.-Münden seien die Folgen einer Zentralen Anlaufstelle „verheerend“. Auch im Dorfgemeinschaftshaus des Ortsteils Volkmarshausen, von der Verwaltung als mögliches Wohnheim genannt, dürften keine Flüchtlinge beherbergt werden, schrieb Lengert. Das Gebäude grenze direkt an sein Privatgrundstück und das seines Kollegen Rover. Da könne man sich „soziale Spannungen sowohl von der Asylantenseite“ als auch durch die „von einer solchen Einrichtung angezogenen Extremisten von links und rechts gut vorstellen“. Er würde „nicht mehr die Ruhe und Erholung finden, die für unsere verantwortungsvolle Tätigkeit erforderlich ist“, klagte Lengert und drohte, sollte die Stadt seinen Wünschen nicht entsprechen, mit Verlagerung der Produktion: „Die verständliche Reaktion wird dann ein Wegzug, wobei die Firma WMU entweder geschlossen wird oder mit umzieht.“ Daß „diese von mir vertretene Meinung auf gar keinen Fall ausländerfeindlich oder gar rechts einzustufen“ ist, stellte der Manager am Ende seines Briefes heraus: „Wir, der Herr Rover und ich, haben nicht unbedeutend für Israel gespendet.“

Die Verwaltung reagierte empört. Stadtdirektor Lange wollte wissen, „ob es sich bei den von Herrn Lengert angestellten Überlegungen, unter bestimmten Umständen die Firma zu schließen oder mit der Firma Hann.-Münden zu verlassen, lediglich um persönliche Gedankenspielereien handelt oder ob Herr Lengert hierbei die Gedanken und Vorstellungen der Geschäftsführung wiedergibt“. Und Kämmerer Klaus-Peter Lütcke erklärte, die Kommune lasse sich „durch nichts und niemanden unter Druck setzen“.

Einen „instinktlosen Erpressungsversuch nach Gutsherrenart“ nannte die Göttinger IG Metall Lengerts Brief. Die WMU-Geschäftsleitung betrachte die Stadt Hann.-Münden und die Gemeinde Volkmarshausen offensichtlich „als ihren privaten Hinterhof“, auf dem sich nur das ereignen dürfe, „was das Privatleben der Herren nicht beeinträchtigt“. Hier würden 150 Arbeitnehmer „praktisch als Geiseln genommen, um private Interessen durchzusetzen“, schwache und wehrlose Menschen als „Munition für persönliche Rachefeldzüge mißbraucht“. Der niedersächsische Flüchtlingsrat äußerte sich entsetzt über die „Biedermänner im weißen Kragen, die für die Brandstiftungen in Ausländerunterkünften die politische Verantwortung tragen“. Und die Asylbeauftragte des Kirchkreises, Ulrike Lange-Karwitz, bekannte, ihr sei „fast das Frühstück im Hals steckengeblieben“, als sie von den „rassistischen Äußerungen“ Lengerts gelesen habe. Sogar die Bürgerinitiative gegen die ZASt, als deren Sponsor Lengert gilt, distanzierte sich von dem Schreiben.

Die Unruhe in Hann.-Münden hält an. Der Krach zwischen der WMU und der Stadtverwaltung ist mit boshaften Briefwechseln und Verleumdungsanzeigen noch weiter eskaliert. Für den 30. Oktober haben Flüchtlingsinitiativen zu einer Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit aufgerufen. Reimar Paul