Von Robert G. Livingston

WASHINGTON. – Die Bundesregierung – ganz besonders das Bundeskanzleramt – scheint bei der Aussicht auf einen Präsidenten Bill Clinton Unbehagen zu empfinden. Das überrascht nicht, denn Helmut Kohl hat nie verhehlt, daß er sich über einen erneuten Sieg des Republikaners George Bush freuen würde.

Die Regierungen in Europa legen bei den internationalen Beziehungen Wert auf Kontinuität, und gerade Bonn hat besonders gut mit George Bush zusammengearbeitet. Während seiner Präsidentschaft nahm die Außenpolitik eine Schlüsselrolle ein. Er verfügt sowohl im US-Sicherheitsrat als auch im State Department über einen äußerst kompetenten Mitarbeiterstab und unterstützte 1990 maßgeblich die deutsche Einigung.

Aus Bonner Sicht waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen immer dann besonders fruchtbar, wenn ein Republikaner als Präsident im Weißen Haus saß. Denn jene, denen besonders an guten Beziehungen liegt – Geschäftsleute, Bankiers, Militärs und Nachrichtendienstler gehören zum Lager der Konservativen.

Und die wichtigste, fast offizielle Organisation zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft, der American Council on Germany mit Sitz in New York, wird seit ihrer Gründung vor vierzig Jahren von den Republikanern beherrscht.

Als Helmut Kohl im März im Weißen Haus offen für seinen Freund George Bush Partei ergriff, vertrat er die These, daß „das Schicksal der Völker in der Außenpolitik entschieden wird“. Präsident Bush hat sich im Wahlkampf verzweifelt bemüht, den amerikanischen Wählern seine internationalen Erfolge vor Augen zu führen. Sein Pech ist nur, daß die US-Bürger in diesem Jahr nicht die Außenpolitik bewegt, sondern die kranke amerikanische Wirtschaft.

Deren Aufbau und Gesundung bilden das zentrale Wahlkampfthema von Bill Clinton. Eine starke Wirtschaftskraft, so erklärt er den Wählern, sei für eine wirksame Außenpolitik unerläßlich, Außen- und Innenpolitik ließen sich aufgrund der wachsenden Verflechtung der Weltwirtschaft immer weniger voneinander trennen.