Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wirft auch die Frage auf, ob überhaupt der große Gedanke der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, wonach der Mensch und die ganze Menschheit erziehbar ist, überhaupt aufrechterhalten werden kann. Müssen wir die Lessingsche Idee von der Erziehung des Menschengeschlechts nicht revidieren? Ist der Mensch für eine gesellschaftlich nützliche Tätigkeit überhaupt anders als durch seinen zu erwartenden persönlichen Gewinn motivierbar? Kann man auf den Menschen einwirken, damit sein Egoismus sich abschwächt und er zum nützlichen Mitbürger für die anderen Mitbürger wird? ...

Beim Ende des sowjetischen Modells handelte es sich um die Vernichtung eines Regimes, das für illegitim gehalten wurde, weil durch seine Etablierung jede natürliche Entwicklung unterbrochen wurde. Jetzt versucht man da anzuknüpfen, wo die Entwicklung einmal aufhörte. Es ist Revolution und Restauration zugleich. Eine restaurative Entwicklung schafft keine eigene Orientierung, sondern knüpft an altes an, das sie neuen Bedingungen anpaßt. Jede Restauration hat aber auch die Eigenschaft, daß sie nicht allzulange andauert.

Eduard Goldstücker, Prager Germanist, zum Thema Sozialismus und Freiheit