Sie könnten es so schön miteinander haben. Aber sie mögen einander nicht mehr. Überraschend klar haben die Kanadier am vergangenen Montag den Entwurf einer neuen Verfassung abgelehnt.

Dabei hätte das Kompromißpapier von Charlottetown allen etwas geboten: den Indianern und Eskimos neue Rechte bis hin zur Autonomie; den frankophonen Québécois die Anerkennung als „besondere Gesellschaft“; den westlichen Provinzen eine stärkere Vertretung im Senat; und schließlich den wirtschaftlich darbenden Atlantikprovinzen die Sicherung des sozialen Netzes.

Allein, das genügte vielen Kanadiern offenkundig nicht – oder es war ihnen zuviel. Der seit über einem Jahrzehnt schwelende Streit und der schlechte Ruf der Bundesregierung unter Premier Brian Mulroney lassen die Kanadier allergisch reagieren, sobald sie das Wort Verfassungsdebatte hören.

Indem sie nun den mühsam ausgehandelten Kompromiß ablehnten, richten sie freilich einen Scherbenhaufen an. Gewiß, Kanada wird kein zweites Jugoslawien werden, selbst wenn sich nun die Zentrifugalkräfte verstärken sollten. Es entspricht nicht kanadischer Tradition, Konflikte mit Kanonen auszutragen.

Doch auch wenn die Trennung friedlich verläuft: Wäre es nicht schade um dieses große Land? Hat sich Kanada nicht als Vorkämpfer für Menschenrechte oder als Musterland für das friedliche Zusammenleben mehrerer Völker einen guten Namen erworben? Entspricht Kanada nicht genau jenem großherzigeren, sanfteren Amerika, das George Bush vor vier Jahren seinen Wählern versprochen hatte?

Kanadas Untergang wäre ein herber Verlust für die Welt. Vielleicht merken die Kanadier das nach dem Schock in dieser Woche gerade noch rechtzeitig. Hoffentlich stellen sie fest, daß sie trotz allem mehr Gemeinsames haben als das Ahornblatt auf der Flagge, hochklassige Eishockeyspieler oder Abneigungen gegen die Ellbogengesellschaft der Vereinigten Staaten.

Kanada ist riesig. Auf einer solchen Fläche sollten, müßten sich doch 27 Millionen Menschen entfalten können – ob sie nun indianischer, französischer oder britischer Herkunft sind. F. G.