Von Heinz Josef Herbort

Zum Instrumentarium gehören neben Platten-, Röhren- und Herdenglocken auch eine Meßdiener- und eine Schiffsglocke, neben drei Flöten auch eine Vogelpfeife, Trillerpfeifen sowie Wildlocker („Ente oder Möwe“ und „Rehfiepe“), neben Trommeln aller Art auch eine Sense mit Schleifstein, ein Messer mit Wetzstahl, ein Blechkasten mit großen Steinen, Papier und Folien zum Knistern, Wasser zum Planschen, Luftballons zum Knirschen, Zweige zum Klatschen, eine Kette zum Rasseln. Sogar ein Löwengebrüll und ein Waldteufel kommen vor und mehrere rainmaker. Einige der Streicher schließlich dürfen nach Kindermanier mit dem Metallfrosch knacken. Da sie alle – vorn auf dem Podium die einen, auf den Emporen ringsum in vier Gruppen die anderen – symphonein, also einen Zusammenklang erzeugen, liegt es nahe, einer Komposition auch für ein solch ungewöhnlich erweitertes Ensemble den Namen „Sinfonie“ zu geben.

„Sinfonie X“ von Dieter Schnebel war bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen nicht nur zeitlich oder in seiner riesigen Besetzung das gewichtigste Werk. Es besitzt auch Kategorien, die der zeitgenössischen Musik nicht nur nach der Meinung ihr Fernstehender häufig genug mangeln: Es ist unterhaltsam – und trotzdem ernst; es bleibt kurzweilig – auch wenn es einschließlich einer (mit- und durchkomponierten Pause) zweieinhalb Stunden dauert; es erschließt sich in seiner Struktur verhältnismäßig schnell – obwohl Material und Form ständig und auf eine nachgerade extreme Weise wechseln; es macht offenbar den Musikern Spaß – selbst wenn (oder vielleicht gerade weil) es von ihnen ein Höchstmaß an Konzentration und instrumentaltechnischem Können verlangt; es hat mit uns und unseren heutigen Fragen, mit unserem Menschsein zu tun – obwohl es keinen eindeutigen Text gibt, der etwas „aussagte“, keine assoziative Bindung, keinen Ansatz zu einer absolut unmißverständlichen Hermeneutik. „Sinfonie X“ ist ein modernes, ein avanciertes Stück – und ein konservatives zugleich.

Die „Sinfonie X“ ist ein „geschlossenes“ Stück, bislang. Denn noch besteht es aus zwei festumrissenen Teilen, sechzig Minuten der eine, ein wenig mehr der zweite, und eine „geschlossene“ Aufführung entspricht der Grundintention des Komponisten. Aber ebensogut ist es ein „offenes“ Stück: Man kann jeden der Teile für sich aufführen – und umgekehrt steht zu erwarten, daß irgendwann noch weitere hinzukommen. Mehr noch: Es dürfen auch einzelne Elemente der beiden Teile isoliert gespielt werden. „Sinfonie X“ besteht nämlich aus einer Aufeinanderfolge von festumrissenen Komplexen; die man einerseits als „Charakterstücke“, andererseits als „Fragmente“ bezeichnen könnte.

Da gibt es als „Stille“ bezeichnete „Environments“ – sie erklingen vor und nach dem Konzert sowie in der Pause: Klangcollagen vom Tonband, über „Verkehr“, „Kultur“ und „Natur“. Für „Stille a“ beispielsweise sind Geräusche in drei Schichten übereinander montiert, die einem – auf dem Wege zum Konzert etwa – begegnen, in der Fußgängerzone und im Bahnhof, auf dem Flughafen und im Hafen; „Stille b“ für die zwanzig Pausenminuten fügt, wieder in drei Schichten, alles das hinter- und übereinander, was wir aus dem „gewöhnlichen“ Sinfonie-Konzert kennen: Schumanns „Rheinische“ und Schuberts „Unvollendete“, Mahlers „Fünfte“ und Ravels „La Valse“ – so bruchstückhaft zwar, daß wir uns immer wieder fragen müssen: „Das ist doch .. .?“; daß wir also hinhören müssen.

Da erklingt, während wir unsere Garderobe abgeben, später auch statt des Klingelzeichens zum Wiederbeginn, in Drei-Minuten-Abständen eine dreiteilige „Fanfare“, kleine Bläsersätze mit markanter Motivik. Aber diese scheinbar so tonalen Bruchstücke haben ein paar Widerhaken: Ihre Schichten verschieben sich allmählich gegeneinander und verunsichern so unser tonales Bewußtsein. Schon wieder müssen wir genauer hinhören.

Da bilden sechs „Sätze“ das eigentliche Zentrum der Sinfonie. Sie tragen „richtige“ Bezeichnungen wie „Con moto“, „Scherzo“, „Adagio“ oder „Finale alla marcia“ – und sie alle sind fast nach alten „Mustern“ komponiert, als Variation oder Reihung, strophisch oder kreisförmig, das „Scherzo“ wie nach Brucknerscher Manier „gezählt“ konzipiert – aber ständig werden die Muster schon bald durchbrochen, aufgerauht, in eigene Bahnen gelenkt. So tanzt Bruckners Schema der 8+8+8+8 Takte, nach dem er seine Klänge architektonisch aufbaute, hier schnell aus der Reihe: 8+5/8+8+6+6+5/6+4//3+1//8+6+6+8 Takte. Wer genau hinhört, erkennt die Regel und die Abweichung.