Also Genossen, wer von uns hat eigentlich die größere Erfahrung mit revolutionärer Politik?" Nikita Chruschtschow weiß, wie man Tacheles redet. Ende August 1962 sitzen ihm im Kreml zwei Kubaner gegenüber, die über die bevorstehende Verschiffung sowjetischer Mittelstreckenraketen sprechen möchten: Emilio Aragonés und Che Guevara. Die beiden sind, wie Fidel Castro auch, nicht damit einverstanden, daß das Unternehmen heimlich ablaufen soll:

Warum so tun, als wäre man im Unrecht? Würde Kuba nicht wie ein Lakai der Russen dastehen und bei seinen lateinamerikanischen Nachbarn jeden Kredit verspielen? Die Öffentlichkeit sollte rechtzeitig erfahren, daß Kuba, souverän wie andere Staaten auch, in freier Entscheidung sein Territorium für Raketen aus der Sowjetunion zur Verfügung stellt – wie es Jahre zuvor die Türken für die Amerikaner auch getan hatten. Und nicht zuletzt wisse doch jedes Kind, welchen Tanz die Amerikaner aufführen würden, sollten sie frühzeitig entdecken, was sich vor ihrer Haustür abspielte.

Chruschtschow, mal aufbrausend, mal altväterlich, läßt seine Gäste spüren, was er von Novizen in der Weltpolitik hält. Die Amerikaner sollten sie ruhig ihm überlassen. Ende November, wenn in Washington die Wahlschlacht um den Kongreß geschlagen sei und sich die Gemüter beruhigt hätten, würde er nach Havanna kommen und den sowjetisch-kubanischen Vertrag der Öffentlichkeit präsentieren. Was

wollte Kennedy gegen ein Fait accompli schon ausrichten? "Und wenn er euch doch irgendwelche Scherereien macht, seid unbesorgt. Dann schicken wir die Ostseeflotte vorbei und demonstrieren unsere Stärke." Die Kubaner finden das keineswegs komisch. "Er wird es wohl besser wissen als wir", meint hernach auch Fidel Castro.

Ein Vierteljahrhundert lang war von Sowjets und Kubanern über dieses aufregende Kapitel ihrer gemeinsamen Geschichte so gut wie nichts zu erfahren. Erst 1987 änderte sich das Bild, als in Harvard Veteranen der Kuba-Krise wie Robert McNamara (seinerzeit Verteidigungsminister) oder McGeorge Bundy (seinerzeit Sicherheitsberater) mit sowjetischen Zeitzeugen zusammenkamen und ihre Erinnerungen zu Protokoll gaben. Seither fanden drei weitere Konferenzen statt, mal in Moskau, mal auf der Karibikinsel Antigua und zuletzt in Havanna, wo sogar Castro bereitwillig Auskunft gab.

Raketen nach Kuba zu schicken war Chruschtschows einsame Entscheidung gewesen. Schon seit Mitte der fünfziger Jahre trieb es ihn zu einem "Platz an der Atomsonne": Mächtig war, wer mit Gewalt und Vernichtung drohen konnte, und großmächtig, wer ein riesiges Atomarsenal sein eigen nannte. 1957 hatte die Sowjetunion mit dem Satelliten Sputnik einen spektakulären Durchbruch in der Raketentechnik erzielt. Dennoch schien es, der Vorsprung der Amerikaner lasse sich nicht mehr einholen. "Im Sommer 1962 hatten wir", versichert der Geschichtsforscher Dimitrij Wolkogonow heute, "nicht mehr als zwanzig brauchbare Interkontinentalraketen." Die Amerikaner besaßen siebzehnmal so viele Atomsprengköpfe, nämlich 5000 gegenüber 300.