Marion Ploch, geboren am 5. Mai 1974, ist verstorben. Sie wurde nicht alt. Der Totenschein trägt das Datum vom 8. Oktober 1992.

Doch ihr Puls schlägt weiter. Die Haut ist rosig, der Körper warm. Seit drei Wochen liegt er auf einem Luftkissenbett der chirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Erlangen. Ein Schlauch führt in die Luftröhre. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Ein Schlauch führt in den Magen. Er verdaut.

Ein bißchen Schminke, und man würde Marion Ploch nicht ansehen, daß ihr Schädel zertrümmert ist. Das zerstörte linke Auge ist abgeklebt. Der medizinische Fachbegriff für ihren Zustand lautet: hirntot.

Für Johannes Scheele, Professor und Leitender Oberarzt der Chirurgie, gleicht sie einem Stein, der im Fall verharrt. „Wir haben dafür keine Worte“, sagt er, „als die Sprache erfunden wurde, gab es diesen Zustand nicht. Wir brauchen neue Worte im Zeitalter der Technik.“

Ein Knopfdruck, und das Schweben hätte ein Ende. Über den Schalter aber wachen sieben Herren, und die stellen nicht ab. Die schlafende Tote ist ihr „Schneewittchen“. Und Schneewittchen erwartet ein Kind.

Der Fall Marion Ploch spaltet die Nation. Darf ein Embryo heranreifen, wenn die Mutter tot ist? Sind Fötus und Mutter zwei voneinander unabhängige, verschiedene Wesen?

Was liegt dort auf der Intensivstation? Eine werdende Mutter? Ein Leichnam, in dem ein Kind lebt? Eine Ansammlung von Organen, die einen biologischen Brutkasten hergeben? Oder ein Herz-Lungen-Präparat, ein Objekt, mit dem ehrgeizige Wissenschaftler experimentieren?