Alle Abonnenten, die das Zeitgeist-Magazin Tempo abbestellen, bekommen Post vom neuen Chefredakteur. Der ehemalige Stern-Macher Michael Jürgs erklärt seinen flüchtenden Lesern, warum er dem Blatt ein „erwachseneres“ Konzept verpaßt hat. Jürgs mußte schon viele Briefe schreiben: Der Urmutter des Zeitgeistes laufen die Leser davon. Verkaufte Tempo 1988, seinem bisher besten Jahr, pro Heft 173 000 Exemplare, so befindet sich die Auflage seither im freien Fall und ist jetzt bei 132 000 angekommen. Daß der alte Zeitgeist tot ist, spürt auch der Münchener Erzrivale Wiener: Von anfänglich 134 000 verkauften Heften rutschte die Trend-Postille bis auf 103 000 ab.

Doch schon konkurrieren neue Titel auf dem Markt für junge Illustrierte – im Trend der Neunziger. Während Stern oder Bunte immer weniger junge Leute unter dreißig Jahren erreichen, buhlen Zeitschriften wie Sports, vor allem aber die Monatsmagazine Max und Coupé erfolgreich um die für die Werbung interessante Zielgruppe der 18- bis 35jährigen. Mit Konsum und Freizeit, Sex und Sinnlichkeit erteilen sie dem eher linken Zeitgeist à la Tempo und Wiener eine Absage. Selbst das biedere Sexblättchen Praline liegt jetzt mit dem Titelzusatz „Die junge Illustrierte“ im Regal. Insgesamt gehen jeden Monat weit mehr als eine Million Exemplare solcher „jungen“ Titel über westdeutsche Ladentische.

Den neuen Trend verkörpert seit Februar vergangenen Jahres Max, ein Joint-venture des italienischen Max-Erfinders Rizzoli mit Gruner + Jahr und Dirk Manthey (Cinema, TV Spielfilm). Das Bilderbuch in übergroßem Format setzt auf Erotik, Helden und Service. „Wir stellen Winner vor“, beschreibt Chefredakteur Andreas Wrede das Konzept. Weil Max „im Grunde überflüssig, eben ein schöner Luxus“ sei, will das Yuppie-Magazin mit „ästetischem Entertainment“ Käufer locken.

Um die teure Produktion des in matten Farben gedruckten Blattes zu decken, will Max konsumorientierte Leser und Anzeigenkunden gleichermaßen ansprechen. So bleiben kritische Reportagen außen vor, statt dessen erscheinen gesponserte Modeseiten und in jeder Ausgabe das Gewinnspiel „Ihre Lieblingsanzeige“. Bisher geht das Kalkül auf: „Das Ding brummt ohne Ende“, frohlockt Wrede. Mit einer verkauften Auflage von 185 000 je Heft und etwa tausend Anzeigenseiten in diesem Jahr verbuchen die Gesellschafter schon 1992 einen stattlichen Erfolg.

In dem Lifestyle-Blatt präsentieren sich vor allem Unternehmen aus der Mode-, Kosmetik-, Auto- und Elektronikbranche. Die Vermischung von redaktionellem Teil und Werbung wird ein wichtiger Bestandteil des Blattes bleiben – ebenso wie leichtbekleidete Frauen auf dem Titelbild.

Daß blanke Busen Käufer animieren, kann Coupé bestätigen. Aus einem Anzeigenblatt für Gebrauchtwagen entwickelte der Wiesbadener Jungverleger Klaus Heibert zunächst „Deutschlands erste Zeitschrift für Aufsteiger“. Weil das positive Zeitgeist-Blatt auf wenig Gegenliebe bei den Käufern stieß, änderte Heibert Anfang 1989 das Konzept erneut. Seither geht es mit Coupé nach oben: Sexthemen und freizügige Photos puschten die verkaufte Auflage von damals 60 000 auf heute 630 000 Exemplare

Bei jungen Lesern wurde die „Bravo für Twens“, die seit April 1989 zur Hälfte zum Bauer Verlag gehört, so zum Marktführer. Die Werte Wirtschaft, allen voran Markenaitikler, „wollen ihr Produkt dagegen lieber nicht in die Nähe dieser Zeitschrift bringen“, weiß Anzeigenleiter Paul Rusch. So kommt Coupé 1992 nur auf knapp 200 Anzeigenseiten.