Von Peter Bürger

Ein Jahr vor dem Mai 1968 – Foucaults "Die Ordnung der Dinge" war eben erschienen – verabschiedet Sartre die Kategorie des Autors: "die letzte Barriere, die das Bürgertum gegen Marx errichten kann". 25 Jahre später verabschiedet Manfred Frank den Poststrukturalismus als ganzen: "Nur Mode", und zwar eine, deren Zu-Ende-Gehen er mit Erleichterung konstatiert. Totgesagte leben besonders lange. Vielleicht wird einmal eine Geschichte der Verabschiedungen geschrieben, die verständlich macht, warum in der Moderne die quasi-magische Praxis des Totsagens fortlebt.

Ist der Poststrukturalismus wirklich "nur Mode"? Manfred Frank glaubt selbst nicht recht, was er sich und uns einreden möchte, denn er gesteht dem neuen französischen Denken zu, Argumente hervorgebracht zu haben. Einer Mode folgt man, für die eng anliegenden, halblangen Jogginghosen gibt es kein Argument, man/frau (er) trägt sie. Mit dem Poststrukturalismus verhält es sich offenbar anders. Noch jedenfalls hat er sich nicht mit einem Stil der Selbstdarstellung verbunden wie der Existentialismus der fünfziger Jahre und der Marxismus der siebziger Jahre. Vielleicht steht es uns als Mode noch bevor. Vielleicht dringt er auf subtilere Weise in unsere Denk- und Lebensformen ein. Er wäre dann eher eine Art Gift, das, in homöopathischen Dosen genossen, heilsam wäre, in Überdosen aber tödlich.

Daß die Philosophen, die an strenge Argumentation gewöhnt sind, verärgert auf die Texte des Poststrukturalismus reagieren, ist verständlich. Denn diese machen sich einer Grenzüberschreitung schuldig. Sie spielen den philosophischen Diskurs in den literarischen hinüber, und sie tun dies nicht etwa beiläufig, sondern mit der Aufsässigkeit von bösen Buben, die Spielregeln absichtlich verletzen. Wie es sich in der Schule gehört – und die Universität ist bekanntlich die hohe Schule –, werden sie dafür zurechtgewiesen. Und nun geschieht das Ärgerliche: Statt sich auf ihre Sitzplätze zu begeben und ordentlich ihre Aufgaben zu machen, reagieren die Zurechtgewiesenen mit Widerworten. Sie geben Gründe dafür an, warum sie sich an die Grenzen der Disziplinen nicht halten. Aber ebenso plötzlich brechen sie ihre Argumentation wieder ab und machen dem Lehrer eine lange Nase: "Da da da" (Lacan).

Was tun? Manfred Frank erkennt die Hilflosigkeit der Appelle eines George Steiner, der "Maßstäbe" beschwört und "verbindliche Deutung" fordert; er setzt statt dessen auf "nüchterne Gegenargumentation". Es geht also darum, den Poststrukturalismus zu widerlegen. Das klingt vernünftig. Aber das Vorgehen hat einen Haken: Es trifft nur den argumentativen Teil der poststrukturalistischen Rede und vernachlässigt den andern als "surrealistische Einlage". Wenn nun aber gerade der surrealistische Unernst eine sehr ernste Sache wäre, gleichsam die andere Seite des Arguments, dann wäre mit einer Widerlegung nicht viel erreicht. Sie träfe gar nicht den Poststrukturalismus, sondern dessen für den Zweck der Seminarübung zugerüstetes Double. Dieses freilich fällt krachend zu Boden. Frank zeigt durchaus überzeugend: Indem der Poststrukturalismus Einheit, Identität, Fixierung denunziert, um dagegen Mannigfaltigkeit, Pluralität und Beweglichkeit ("das Spiel") zu privilegieren, widerspricht er sich selbst. Denn "um Mannigfaltiges als solches zu bestimmen, muß man negativ immer schon auf eine Art Einheit Bezug nehmen".

Mit andern Worten: Die Poststrukturalisten setzen das voraus, was sie verwerfen, nämlich Einheit. Sie sägen den Ast ab, auf dem sie sitzen, oder philosophisch gesprochen: Sie begehen einen "performativen Selbstwiderspruch". Das Vertrackte an der Sache ist nun, daß sich die bösen Buben durch diesen "grundlegenden" Einwand überhaupt nicht beeindrucken lassen. Sie fahren einfach mit dem Sägen fort, wobei sie lachend darauf vertrauen, daß metaphorische Äste schon nicht abbrechen werden. Ja, sie gehen noch einen Schritt weiter und schreiben die Widerlegung ihrer Theorien gleich in ihre Bücher hinein.

Genausowenig wie Franks Einwand gegen das Astabsägen berührt die Poststrukturalisten sein Hinweis, es gebe eine vorsprachliche Selbstbeziehung des Individuums. Sie halten dagegen, alles, auch die Selbstbeziehung des Individuums, sei immer schon sprachlich vermittelt und lächeln dabei: Wer war zuerst, die Henne oder das Ei?