POTSDAM. – So ganz traut Harald Renk, vierzig Jahre alt, seinem Gefühl noch nicht. Er ist glücklich, aber der Grund dafür ist ihm ein bißchen unheimlich: Volker Rühe hat ihn als ersten Ost-Offizier unbefristet in die Bundeswehr übernommen, mit Urkunde und Handschlag. Renk ist nun Major im Generalstab des Korps und Territorialkommandos Ost. „Jetzt hast du es geschafft“, hat der ehemalige Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee (NVA) beim Festakt in Leipzig gedacht. Er war gerührt und wußte gleichzeitig, daß er in den Augen vieler seiner einstigen Kameraden endgültig Fahnenflucht begangen hatte.

Renk ist zu jener Armee übergelaufen, die für ihn zwanzig Jahre lang der Gegner war. „Nichts verbindet uns mit der imperialistischen BRD – alles mit der Sowjetunion und den Armeen der sozialistischen Bruderstaaten“, wurde den Soldaten im Politunterricht eingehämmert. Unerbittlichen Haß“ sollten sie auf die „aggressivsten Kräfte des Imperialismus und ihre Speerspitze, die Bundeswehr“ empfinden. Dieses Feindbild hat die Nach-Fünfziger-Generationen nicht sonderlich ernst genommen. „Diene du erst mal so lange, wie ich in ‚Polit‘ geschlafen habe“, hieß ein Armee-Spruch. „Aber“, sagt Bundeswehrmajor Harald Renk, „für mich waren DDR und Sozialismus verteidigenswert.“

Über den Heldentod – laut Fahneneid die mögliche Konsequenz für einen Soldaten – hat Renk in seiner Laufbahn (Ost) trotzdem kaum nachgegrübelt. Er ist verblüfft: „Ich hab’ mir nie Gedanken gemacht: ‚Was passiert, wenn.‘ Man ist am Morgen zum Dienst gegangen, kämpfte an dieser Alltagsfront, und an irgendeiner Stelle war dann der Tag zu Ende.“

Eigentlich wollte Harald Renk, nach zehn Jahren Schule („Ich hab’ alles mitgenommen, was es so gab – Pioniere, Jugendweihe, FDJ“), nach anschließender Lehre und Abendschul-Abitur, Elektronik studieren. Das war eine Illusion. Die wenigen Studienplätze wurden nach Beziehungen und Zufallsprinzip verteilt. Da bot ihm die Nationale Volksarmee seine Chance: 1971 ging der Neunzehnjährige für drei Jahre an die Offiziershochschule der Luftstreitkräfte in Kamenz und studierte im Fliegeringenieurdienst Elektro- und Hochfrequenztechnik. 1974 erhielt der frischgebackene Leutnant Renk seine erste Dienststellung als Wartungsingenieur in einem Jagdfliegergeschwader. Von nun an schlug er sich bei dem Versuch, die Flugzeuge einsatzbereit zu halten, mit der DDR-Mangelwirtschaft herum.

Bei aller Kritik an der DDR fühlte er sich bis zum Schluß der Ideen vom verteidigenswerten Sozialismus und dem Kräftegleichgewicht verpflichtet. Zweifel am System setzten im Offizierschor ohnehin erst Mitte der achtziger Jahre ein. „Da wurde sogar in den Parteiversammlungen (99 Prozent der Offiziere waren SED-Mitglieder) über die Perestrojka im Vorbild-Land UdSSR diskutiert und über die unübersehbar katastrophale Wirtschaftslage der DDR. „,Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen’, wurde uns immer gepredigt. Aber als wir uns für die Reformen dort interessierten, war das plötzlich unerwünscht.“

Mit dem alltäglichen Ärger über den preußischen Drill und die eingefahrene Gehorsamsmaschinerie allerdings hatte Renk sich abgefunden. Die NVA war eine konsequent politische Armee. Die Offiziere hatten große disziplinarische Rechte gegen Untergebene, und gleichzeitig wurde Eigeninitiative nicht gern gesehen. „Irgendwann erinnert man sich eben nur noch an die Schoten, nicht an die unangenehmen oder schlimmen Dinge, man hat sich den Gegebenheiten angepaßt. Ich wollte vielleicht noch das Betriebsklima verbessern, aber nichts grundsätzlich reformieren.“ Daß sich allerdings die hohen Generäle, die Gleichheit, Sozialismus und Einsatzbereitschaft predigten, in den Urlaub fliegen ließen, treibt Renk bis heute Zornesfalten ins Gesicht. Zur gleichen Zeit lebte er, wie viele der Truppenoffiziere, mit Frau und zwei Kindern in einer abgeschlossenen, ghettoähnlichen Ansiedlung und fuhr mit dem Fahrrad oder dem Trabant zum Dienst.

Als die Wende kam, hat Harald Renk das erst mal nicht als Chance empfunden. Er hatte Angst vor der Zukunft. Zu deutlich war, daß die NVA den Krieg verloren hatte – besiegt ohne einen einzigen Schuß. Auch die von Pfarrer Eppelmann, dem letzten Verteidigungsminister der DDR, genährte Hoffnung, die NVA würde ein bis zwei Jahre weiterbestehen und schließlich in geschlossenen Formationen in die Bundeswehr übernommen werden, zerschlug sich schnell. Bald war klar, daß von rund 40 000 Ost-Offizieren gerade mal 3600 übernommen werden würden. Wie viele andere überlegte Renk, die Übergangsgelder zu kassieren und in den zivilen Bereich zu wechseln. „Doch dann raste die Zeit an mir vorbei. Gerade im Frühjahr 1990 und dann vor Währungsunion und Vereinigung verließen viele die Armee. Die Desertionen häuften sich, täglich neue Hiobsbotschaften: Hier brach eine Führungsbereitschaft zusammen, dort war eine Waffenkammer nicht mehr bewacht. Oder es gab irgendwo nur noch Rekruten, aber keine Kommandeure. Ich war nur damit beschäftigt, Löcher zu stopfen, damit wenigstens nichts passierte. Ich hab’ mir gesagt: Wenn ich jetzt auch alles hinschmeiße, arbeitet keiner den Mist ab, der sich auf meinem Schreibtisch stapelt.“