Von Norbert Kostede

Würzburg

Der Pfarrer hat gut predigen: "Selig sind, die nach Gerechtigkeit dürstet." Aber ist es gerecht, das Opfer und den Täter gemeinsam zu ehren? "Selig sind, die da Frieden stiften." Wer kann mit dieser Bluttat seinen Frieden machen? Zweifel hinter Tränen und Trauer.

Hoch über der Stadt, auf dem Waldfriedhof von Würzburg, vor dem Eichensarg versammelt: Familie, Freunde, politische Weggefährten. Vierhundert Menschen nehmen Abschied von Petra Kelly. "Amazing grace", ihr Lieblingslied von der unbegreiflichen Gnade, kann die Gedanken nicht abstellen. So ist der Mensch, er will begreifen. Was hat sich in den frühen Morgenstunden des 1. Oktober abgespielt? Was soll die gemeinsame Gedenkveranstaltung für Petra Kelly und Gert Bastian an diesem Samstag?

"Mit dem Herzen denken" – dieses Motto Petra Kellys soll die Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle tragen. Nicht das Herz, der Kopf sagt den Trauernden auf dem Würzburger Waldfriedhof: Petra Kelly ist nicht freiwillig aus dem Leben gegangen. Gert Bastian hat sie erschossen. "Ohne Gruß an die Oma? Nie wäre Petra so gegangen!" – "Ohne politisches Testament? Ausgeschlossen!" – "Eine Pazifistin, die sich mit einer Pistole erschießen läßt? Unsinn." – "Wer so viel Pläne schmiedete, denkt nicht an Selbstmord."

Und so spricht Lew Kopelew, der russische Schriftsteller, den Versammelten aus der Seele: "Sie konnte sterben wie Martin Luther King oder wie Gandhi. Im Kampf, aber nicht so!" Als er fortfährt, blicken jedoch viele betreten auf den Boden: "Ich glaube nicht, daß sie oder Gert gehen konnten, ohne es ihren Freunden zu erklären." Also Mord durch eine fremde Macht? Durch Stasi-Killer oder Rechtsradikale, wie in den ersten Stunden nach dem Auffinden der Leichen spekuliert wurde? In diesem politischen Kreis, der gegen Stammheim-Legenden resistent ist, glaubt Kopelew das keiner.

Viele Trauergäste haben die Schlagzeilen vom Tag zuvor noch vor Augen: "Petra Kellys Oma: Ich verfluche Bastian." Endlich hatte Bild am Sonntag den Deutschen gesagt, wie es wirklich war: Bastian war total abhängig von Kelly; der Panzergeneral wurde zum Kofferträger degradiert; der alte Mann war eifersüchtig auf die Affären und Pläne – Europaparlament, Dozentur in Santa Cruz – einer 25 Jahre jüngeren Frau. Ergo: "Gert Bastian sah seine Lebensperspektive: Ich werde allein, vergessen und hilflos sein. Er hat dafür eine Schuldige gesucht. Er hat sie gefunden. Er hat sie ermordet."