Von Wolfgang Blum

Wie sich früher die Könige ihren Hofnarren hielten, kann sich die Universität heute einen Bioniker leisten." Solches war zu hören, als die Technische Universität Berlin 1972 ein Institut für Bionik und Evolutionstechnik gründete. Anfangs sei er erbost über den Spruch gewesen, erzählt der Leiter des Instituts Ingo Rechenberg. "Doch seit ich weiß, welch wichtige Rolle die Narren bei den Herrschern spielten, ist der Zorn vorbei." Heute besteht die Arbeitsgruppe des 57jährigen immerhin aus über dreißig Mitarbeitern.

Das Kunstwort Bionik steht für Technik nach biologischem Vorbild. Ein Beispiel: Wissenschaftler entdeckten vor mehreren Jahren kleine Rillen in den Schuppen von Haien, die den Reibungswiderstand im Wasser verringern. Mittlerweile experimentieren Strömungstechniker mit einer Rillenfolie, die sie auf die Außenhaut von Flugzeugen kleben, um Treibstoff zu sparen.

Daß die Ingenieure noch viel lernen können, wenn sie Flora und Fauna beobachten, davon ist Rechenberg felsenfest überzeugt. "Die ganze Erde ist ein riesiges Labor, in dem die Natur seit drei Milliarden Jahren experimentiert. Da müssen ja hervorragende Lösungen herauskommen."

Bionik ist eigentlich eine uralte Wissenschaft. Bereits Leonardo da Vinci studierte den Flug der Vögel, um Flugapparate zu konstruieren. Auch im Werdegang Ingo Rechenbergs spielte dieser Wunschtraum der Menschheit eine Rolle. Schon als Jugendlicher beobachtete er genau, wie Vögel fliegen. Dabei wollte er von ihnen abgucken, wie er seine Modellflugzeuge schneller machen könnte. Offenbar gelang ihm das gut: 1954 wurde Rechenberg Vizeweltmeister im Modellflug.

Der Flugzeugbau stand für ihn schon früh als Studienfach fest. Bis zum Diplom vergingen allerdings zwanzig Semester. "Man sollte die Leute unbedingt lange studieren lassen", sagt der Ingenieur heute. Nur so sei eine interdisziplinäre Bildung möglich. "Die Studenten sollten Gelegenheit haben, viele Sachen auszuprobieren."

Er selbst hat seine Studienzeit gut genutzt. Bereits als "kleiner Student" hatte er die Idee, die sich später als sein bisher größter Wurf herausstellte: die Evolutionsstrategie. Dieses Rechenverfahren verwendet die Prinzipien Mutation und Selektion, um Optimierungsprobleme zu lösen. Rechenberg beschränkte sich also nicht darauf, von den Ergebnissen der Evolution zu lernen, sondern versuchte, ihre Funktionsweise für technische Aufgaben zu nutzen.