Von Hansjakob Stehle

Dem Nachbarn das Wasser abzugraben, buchstäblich und politisch – das kann Schaden anrichten, den der Nutzen nicht aufwiegt. Doch in der slowakischen Hauptstadt, wo man sich rüstet, in zwei Monaten aus dem Land einen selbständigen Staat zu machen, wiegt die Rücksicht auf Ungarn leichter als die Angst, die eigene Energie – nicht nur die elektrische – könnte nicht ausreichen.

Deshalb begann man jetzt, die Donau, den slowakisch-ungarischen Grenzfluß, auf einer Strecke von 25 Kilometern umzuleiten, damit sie durch einen 40 Kilometer langen Kanal das monumentale Kraftwerk Gabčikovo erreicht. Es gehört zum umstrittenen Erbe kommunistischer Blockpolitik, die technische Mängel ebenso wie drohende Umweltschäden ignorierte. Ungarn zog sich schon vor drei Jahren aus dem Vorhaben zurück und weigerte sich, ein für das Gesamtprojekt unerläßliches Kraftwerk in Nagymaros, nördlich von Budapest, zu bauen.

Soll Ungarn nun durch den Alleingang der Slowaken zum Bau gezwungen werden? "Nicht einmal das!" sagen egozentrische Zyniker in Bratislava. Ungarn kümmert sie sowenig wie die Brüsseler EG-Kommission, deren Vermittlungsbemühungen auch hier so vergeblich blieben wie die starken Worte, die ausgerechnet der deutsche Außenminister Kinkel an seinen tschechischen Kollegen richtete. Also an die falsche Adresse?

Noch besteht zwar formal die Tschecho-Slowakei, und der Prager Vizepremier Maček kann so tun, als wirke sein Kraftwort gegen das Kraftwerk. Doch der einzige Effekt ist, daß nun Gabčikovo auch noch zum Reizwort im tschechisch-slowakischen Trennungsstreit wird, der gerade erst durch Einigung auf eine künftige Zollunion gemildert schien. Mečiar, der Regierungschef und Volkstribun der Slowakei, beruft sich darauf, daß sein Land noch nicht souverän ist, und verlangt Rückendeckung von den Tschechen, die er zugleich verdächtigt, sie wollten durch kritische Distanz zu Gabčikovo nur demonstrieren, daß ein Zusammenleben mit den Slowaken unmöglich sei ...

Indessen dröhnen an der Donau die Lastwagen und Bagger. Von einer Behelfsbrücke hatten sie bis Anfang der Woche 8000 Kubikmeter Geröll und 15 000 riesige Betonquader (die – Ironie der Geschichte – aus Ungarn stammen) in den Strom gekippt, um ihn umzuleiten. Schon am Dienstag war am stillgelegten Stück der Donaupegel um die Hälfte gesunken, Seitenarme begannen auszutrocknen, die Schiffahrt stand still. Horrorvisionen möglicher Folgen, von einer Versumpfung des Neusiedler Sees bis zum Trinkwassernotstand in der Millionenstadt Budapest, lasten auf den Gemütern. Selbst wenn sie sich als übertrieben erweisen, vergiften sie das politische Klima.

Schon spricht das ungarische Außenministerium von "Grenzverletzungen", Gerüchte von Truppenbewegungen an der Donau werden ins Gerede gebracht, indem man sie dementiert. Verdacht keimt auf: Soll der Gabčikovo-Kanal die 100 000 Ungarn in der Slowakei ganz vom Vaterland abtrennen? Ungarns liberales Staatsoberhaupt Göncz wurde von Rechtsradikalen niedergeschrien, ohne daß ihm Regierungschef Antall beistand, der sich "in der Seele" für fünfzehn, nicht etwa nur zehn Millionen Ungarn zuständig erklärt ..

In Gabčikovo wird das Wasser nicht nur auf Turbinen, sondern auf die Mühlen der postkommunistischen Nationalismen gelenkt, die sich im Teufelskreis drehen.