Von Gabriele Venzky

Islamabad

Sie ist schlank geworden, vielleicht sogar ein bißchen zu mager, aber sie ist genauso schön, so energisch und von sich überzeugt wie eh und je. Zwei Jahre nachdem ein parteiischer Präsident, eine hochpolitisierte Armee und ein machthungriges, islamisch-konservatives Establishment, also jene Troika, die in Pakistan den Ton angibt, die Premierministerin aus dem Amt gejagt haben, schickt sich Benazir Bhutto an, ins Zentrum der politischen Arena zurückzukehren.

"Mit Pakistan ist es aus, wenn die Regierung Nawaz Sharif nicht sofort entlassen wird", rief sie zu Beginn ihrer Kampagne einer riesigen, begeisterten Menschenmenge zu. Es waren die gleichen Leute, die vor zwei Jahren über das abrupte Ende von Benazir Bhuttos chaotischer Amtszeit gar nicht so unglücklich gewesen waren. Doch das Heer der damals tief Enttäuschten schrumpft in diesen Tagen immer schneller. "Korruption und Unfähigkeit übersteigen heute alles, was wir jemals in Pakistan erlebt haben", klagt ein angesehener pakistanischer Journalist. "Korruption und Unfähigkeit" lautete vor zwei Jahren auch der Vorwurf gegen Benazir Bhutto. Im August 1990 entließ der Präsident die Premierministerin, löste das Parlament auf und ließ im Oktober neu wählen. Die strahlende Siegerin von einst erlitt eine bittere Niederlage.

Doch nun wittert sie Morgenluft, denn die Risse in der einst so fest zusammengeschweißten Troika werden immer deutlicher: Präsident Ghulam Ishaq Khan habe durch seine dunklen Machenschaften in der Unruheprovinz Sindh mittlerweile selbst so viel Dreck am Stecken, heißt es, daß seine Autorität rasch dahinschwindet. Die allmächtige und im Volk beliebte Armee hat sich zwar während der Flutkatastrophe im September und in ihrem Kampf gegen die ausufernde Kriminalität im Sindh als einzig funktionierende Institution im Staate empfohlen. Doch unter ihrem neuen Chef Asif Nawaz Janjua denkt sie inzwischen laut darüber nach, ob Politik weiter ihre Hauptbeschäftigung bleiben soll. Der Dritte im Bunde schließlich, Regierungschef Nawaz Sharif, ist schlichtweg überfordert. Anfangs konnte er sich noch auf eine bequeme Zweidrittelmehrheit im Parlament stützen, nun aber laufen ihm die Koalitionspartner davon.

Von dieser Krise profitieren derzeit "kleinkarierte Fundamentalisten", wie die angesehene Zeitung Muslim erbost feststellt. Sie gewinnen immer mehr an Boden und stellen gerade jene zwei Prinzipien in Frage, die das Land stabil halten und an die restliche Welt heranführen sollen: Politisch will sich Pakistan als aufgeklärter, säkular orientierter Staat dem Westen als Brücke zur islamischen Welt andienen. Wirtschaftlich hofft der lange Zeit isolierte Staat, durch Marktwirtschaft und Liberalisierung zu den Ländern mit mittlerem Einkommen anzuschließen.

Je schwächer Präsident und Premier erscheinen, desto stärker wirkt Benazir Bhutto. Sie ist nach wie vor ein Star, nicht nur im Ausland, sondern auch in Pakistan. Daß sie Hunderttausende von Menschen für ihre Versammlungen auf die Beine bringt, beunruhigt die Regierung. In den Vorzimmern von Bhuttos Häusern in Karachi und Islamabad drängen sich alle jene, die ein feines Gefühl für Machtverschiebungen haben – Feudalherren, Geschäftsleute, Mullahs und Drahtzieher aus der Provinz, die gestern noch um Audienz bei Nawaz Sharif baten. Stundenlang warten sie nun geduldig auf Benazir Bhutto.