Von Willi Winkler

Theorie!“ schnaubt der britische Professor verächtlich. „Theorie? Das Wort weckt den Göring in mir. Wenn ich es höre, greife ich nach meinem Revolver.“ Sein amerikanischer Kollege versteht schon: „Dann wird dir mein Vortrag nicht gefallen.“ Und tatsächlich radotiert Morris Zapp leidenschaftlich über die Lust am Text, über Oppositionen und den Phallogozentrismus. Morris Zapp, der amerikanische Literaturwissenschaftler, hat eben die neueste Theorie-Mode entdeckt, den Dekonstruktivismus.

Morris Zapp ist von Berufe wegen Professor an Euphorie State, seine Haupttätigkeit besteht allerdings darin, in nun schon drei Romanen von David Lodge dem nichtinitiierten Leser die jeweils neueste nouvelle vague in der Literaturwissenschaft (kurz: LitCrit) zu erläutern. David Lodge spricht als Experte; er war bis 1987 selber Professor in diesem Gewerbe.

Doch einmal ist selbst ihm ein Fehler unterlaufen. Das Zitat mit dem Revolver, das er seinen englischen Helden Philip Swallow auf Göring beziehen läßt, stammt von dem deutschen Dichter Hanns Johst. In dessen Stück „Schlageter“, das auf Wunsch des Führers die Widmung „Für Adolf Hitler/in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“ trug, sagt gleich im ersten Akt Friedrich Thiemann zu seinem Freund Schlageter: „Hier wird scharf geschossen! Wenn ich Kultur höre ... entsichere ich meinen Browning!“

„Schlageter“ erlebte seine Uraufführung am 20. April 1933, dem ersten Führergeburtstag im „Dritten Reich“. Vier Tage später hatte dieses neue Reich einen weiteren Kombattanten gewonnen. „[Die Geschichte] läßt nicht abstimmen, sondern sie schickt den neuen biologischen Typ vor“, ließ Gottfried Benn im Reichsrundfunk verlauten.

Benn schwor den neuen Herren bald wieder ab, Johst aber erlaubte die unterwürfige Widmung den Verzicht aufs Stückeschreiben. Der Dramatiker beschloß, Politiker zu werden, und stand der deutschen Schriftkultur bis 1945 als Präsident der Reichsschrifttumskammer vor. Die Münchner Entnazifizierungskammer stufte Johst 1949 als „Mitläufer“ ein und belegte sein Wesen und deutsches Wirken mit der unerhört harten Geldbuße von Mark 500,-. Erst in einem (von Johst selber angestrengten) Wiederaufnahmeverfahren wurde er schuldig gesprochen und zu dreieinhalb Jahren Arbeitslager verurteilt. Ansonsten verlebte Johst seinen Austrag einigermaßen unbehelligt an den Gestaden des Starnberger Sees. Keine weiter aufregende, aber eine deutsche Karriere.

Hanns Johst war ein Kollaborateur der übelsten Sorte, ein Künstler, der nichts dabei fand, sich der damals neuesten Bewegung, den Nazis, frühzeitig anzuschließen und dann von ihrer Macht ordentlich zu profitieren. Der Fall ist eindeutig, eindeutig wie auch der von Will Vesper und weiteren Autoren der, sagen wir: silbernen Teutonalität wie Dwinger, Kolbenheyer, Beumelburg und vielen anderen.