Zwei Jahre nach dem Abschütteln des Kommunismus gewinnen in Litauen gewendete Kommunisten die Wahlen. Ist der Sieg des früheren KP-Chefs Brazauskas ein Rückschlag für die Demokratie? Keineswegs. Litauen erwarb seinen Ausweis für ein demokratisches Staatswesen – den Machtwechsel.

Im Grunde rechneten die Wähler mit der Nationalbewegung Sajudis und dem einst so populären Präsidenten Landsbergis ab. Der Musikprofessor hatte zu kräftig ins antirussische Horn geblasen, den KGB hinter jeder Ecke vermutet und ehemalige Kommunisten in Litauen verfemt. Dies kostete Kraft, die für die Bewältigung der Wirtschaftskrise fehlte. Westliche Investoren konnte Landsbergis nicht ins Land locken, die Privatisierung der Wirtschaft ist noch in weiter Ferne, Litauen hat kein Geld für Öl und Gaslieferungen vom ungeliebten Nachbarn im Osten.

Mit den Russen über günstige Konditionen zu verhandeln, trauen die Litauer eher dem beweglichen Brazauskas zu. Dabei bezweifelt kaum einer sein Einstehen für die litauische Sache. Das hat Brazauskas im Dezember 1989 unter Beweis gestellt, als er die litauischen Kommunisten zu Gorbatschows Entsetzen von der KPdSU abspaltete. Dem Beispiel der Litauer folgten Kommunisten vieler anderer Sowjetrepubliken.

Einen neuen Trend zeigt der Sieg von Brazauskas’ Demokratischer Arbeiterpartei freilich nicht an. In Estland zum Beispiel haben vor kurzem erst die Konservativen triumphiert. Wenn sich aus den baltischen Wahlen ein Schluß ziehen läßt, dann der: Die osteuropäischen Staatslenker können sich in der schweren Wirtschaftskrise keinen Lorbeer holen. Der wahrscheinliche Verlierer der nächsten Wahl ist immer der gerade verantwortliche Regierungschef. M. T.