ARD, Sonntag, 25. Oktober: Tatort: "Tod eines Wachmanns"

Düsseldorf hat viel mehr Geld als Duisburg, auch wohnt der Kripo-Mann diesmal im Grünen und gibt sich kultiviert. Aber wie dereinst Schimanski besitzt auch Hauptkommissar Flemming den sechsten Sinn für Gerechtigkeit und eine Witterung für das Infame. Er kommt mithin genau richtig, um die verwaiste Schimmi-Fangemeinde über den Rückzug ihres Lieblingscops hinwegzutrösten.

Spezialität der "Tatort" Reihe ist die Vermenschlichung des Bullen. Darunter darf die Spannung leiden, denn was ist all die Action wert, wenn die Kerls, die da ihre Dienstwaffen ziehn, uns nicht am Herzen liegen? Der "Tatort"-Polizist imponiert weder als Held noch als Antiheld, sondern als Durchschnittstyp, der menschlich irrt, allzumenschlich seinen Vorgesetzten schwierig und seinen Job zum Grausen findet und auch nicht als übermenschlicher Profi besticht. Aber diese seine Normalität wird ihm zum Kapital. Er ahnt, wo andere rechnen, und spürt, wo andere aufgeben, wenn die Beweise fehlen. Am Ende steht er da: nicht als Sieger, sondern nur als Arbeiter, der, gemeinsam mit Kollegen und Kommissar Zufall, das Seine getan und manches hinzugelernt hat. Auch über sich selbst.

In dieses bewährte Muster paßt Martin Lüttge als Hauptkommissar Bernd Flemming wie hineingegossen. Sein Doggengesicht mit den markanten Falten, seine schütteren, schlecht kämmbaren Haare verraten den bescheidenen Beamten, der was mitgemacht und so Sorgen hat. Die satte Stimme und der fixierende Blick melden: Achtung, nicht unterschätzen, den Mann. Aber was wäre der Hauptkommissar ohne sein Team: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), den Chaoten, der aber gut schießt, und Miriam Koch (Roswitha Schreiner), das Mini-Mädchen, das aber Mut hat für drei. Gemeinsam trotzt das Trio dem Kapitalverbrechen und den Personalfluktuationen im Hause, die es zu sprengen drohen. Man wünscht ihm grad so viele Fälle wie einst Schimanski und Thanner.

Letzten Sonntag jagten die drei einen Killer, der den Wachmann im Bauamt erdolchte: Die Spur führt zur IRA, Flemming muß passen, das BKA übernimmt. Aber da geschieht ein zweiter Mord – wieder ist das Opfer ein Bauamt-Mann. Jetzt ist Flemming wieder zuständig, und bald ahnt er, daß er nicht mit dem BKA um die Wette, sondern gegen diese "arroganten Ärsche" ermittelt. Der Hintermann führt ihn mitten rein in die deutschdeutsche Stasi-Connection.

Die Geschichte war, obschon verzwickt, gut gebaut und weit plausibler als der Einstand zu Beginn des Monats, bei dem’s um eine vorgetäuschte Entführung ging. Aber egal, Stories müssen sein und sollten aufgehen, doch sie sind nicht das Entscheidende am "Tatort". Hier wollen wir Milieu: das Land, die Stadt, das Polizeirevier und seine Leute; Flemming, der mit dem Computer nicht zurechtkommt und froh sein kann, daß er Ballauf hat; Ballauf, der schon mal fast gefeuert worden wär, weil er zu Alleingängen neigt, und froh sein kann, daß er die Koch hat; die Koch, deren unwahrscheinlich schöne braune Augen... Aber sehen Sie selbst.

Barbara Sichtermann