Von Jens Reich

Heidelberg-Neuenheim. Um neun Uhr abends kann der einsame Gast im dunklen Wald nicht einsamer sein als hier beim Abendspaziergang. Nur gelegentlich begegnet ihm ein Anwohner mit seinem Hund, oder es saust ein Student auf schnellem Fahrrad vorbei, stets ohne Beleuchtung. Die Straßenlaternen versenden ein fahles, ökobewußt sparsames Licht, Auto steht an Auto, Erstwagen, Zweitwagen, Erstwagen, Erstwagen, Zweitwagen, Drittwagen (am Typenspektrum zu unterscheiden), ihr Design der frühen Neunziger hat sie aus Pferdeattrappen zu festen Schildkrötenpanzern werden lassen.

Jedes Haus ist eine Festung, nach innen gekehrt. Vom Parterre zur Straße weisen vor allem Oberfenster, wiederum energiesparend und blickabweisend, oft vergittert; in den oberen Etagen ist alles dunkel. Die wachen Bewohner befinden sich in den Räumen, deren Fenster in den Garten gehen. Jeder ist diskret. Kein Fenster ist offen, kein Heimelektroniklaut stört die nächtliche Stille. Auf der Straße findet sich kein Fuß Boden, der nicht von Betonsteinen und Platten in den verschiedensten Mustern ausgekleidet wäre – wir laufen auf hartem, sauberem Pflaster.

In die Gärten kann ich nicht sehen, da sind mannshohe Hecken davor, alles, was dicht wächst. In einigen Anwesen sind wahre Irrgärten aus Heckengängen. Labyrinthisch der Zugang zur Mülltonne, von innen und von außen (für die Stadtreinigung) rechtwinklig gegeneinander gesetzt. Bäume sind vorhanden: Sie bezeugen, daß zur Bauzeit der Häuser (sechziger, siebziger Jahre) Nadelgehölz bevorzugt wurde, pflegeleicht, laubfrei, vogelfrei. Viele Parkplätze quer zur Straße sind heckengesäumt, ebenso Anfahrten zur Garage. Terrassengarten, Vorgarten, Blumengarten; alles ist wohl gegeneinander abgetrennt.

Auch Straßen und Seitenstraßen, sogar ein kleiner Park mit Abenteuerspielplatz beweisen die Vorliebe zur Heimlichkeit und Unsichtbarkeit; offenbar wollen die Bewohner sich gegenseitig nicht auf die Nerven gehen – von kaum einem Haus kann man die Nachbarhäuser ganz sehen. Stauden, Sträucher, Büsche, Bäume: Alles ist reichlich vorhanden, wenn es nur abweisend wirkt, defensiv. Einige Zäune sind von parallel gespannten Drähten überdacht, die durch Rosen zum naturnahen Ökostacheldraht werden. Ich habe noch nie so viele Dornen und Stacheln, Hartblättriges und Dichtverästeltes, freistehend und an Zäunen und Palisaden, gesehen wie beim Gang durch die Straße mit dem originellen Namen Langgewann.

Alles hat seinen zugewiesenen Platz, erfüllt seinen Abschirmauftrag, wohlbeschnitten. Proletarische Vegetation, Gestrüpp oder Taubnesseln werden nicht zugelassen – nur ein kläglicher Löwenzahn an der Fuge zwischen Betonweg und Zaun, und der überlebt vermutlich nur, weil den Anwohner Alter oder Beruf vom Ausjäten abhalten. Eine Einfahrt in eine Tiefgarage wirkt wie die Zufahrt in einen Bunker, wulstige Simse aus Beton kragen über der oberen Traverse, an die Berliner Mauer gemahnend.

Eine von den Straßen, die Blumenthalstraße, geht schnurgerade durch diese Spielzeugwohnlandschaft, und an ihrem westlichen Ende ist ein längerer Wiesenstreifen, eine Art Aue, baumbestanden, an ihrem Rand entlang läuft der unvermeidliche geteerte Gehweg, es ist hier stockfinster, noch dunkler als in den anderen Straßen. Auf diesem freien Stück Grasnatur sollen Wohncontainer aufgestellt werden für Fremde, die Asyl begehren. Das hat mir ein Anwohner zornig mitgeteilt. Das wird ein Einfall von Marsmenschen werden. Die örtliche SPD wirbt um Einsicht ("bei allem Verständnis für die unterschiedlichen Meinungen unserer Bürgerinnen und Bürger zur Asylfrage"); die letzten Jalousien werden heruntergehen, und das Gartentor wird fest verschlossen sein. Dornröschen versteckt seinen Wohlstand hinter mannshohem Dornenschutz.