ZEIT: Herr Necker, zwei Jahre nach der deutschen Vereinigung ist der Aufschwung im Osten noch nicht da, im Westen stehen wir am Rande einer Rezession. Was ist schiefgelaufen?

Necker: Wir überfordern unsere Volkswirtschaft. Die Schere zwischen Ansprüchen und Leistungsfähigkeit ist auseinandergegangen. Das muß zu einer Rezession führen, wenn wir die Schere nicht schnell von beiden Seiten wieder schließen.

Denken wir an die zwei Ölpreiserhöhungen 1973 und 1980 zurück. Damals hat das Opec-Kartell der deutschen Volkswirtschaft knapp zwei Prozent des Bruttosozialprodukts entzogen. Da wir dieses nicht akzeptieren wollten, sondern mit Verteilungskämpfen reagierten, kam es seinerzeit zu einer spürbaren Rezession. Heute beansprucht der Aufbau im Osten etwa sechs bis sieben Prozent des Bruttosozialprodukts. Wir dürfen jetzt nicht die damaligen Fehler wiederholen.

ZEIT: Der vom Bundeskanzler gewünschte Solidarpakt soll ja diese Verteilungskämpfe verhindern. Wie müßte er aussehen?

Necker: Auf der einen Seite müssen wir die Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft stärken. Wir müssen den scharfen Einbruch in der ostdeutschen Industrie stoppen und die Wachstumskräfte im Westen stärken. Andererseits müssen wir die Ansprüche an das Sozialprodukt begrenzen. Dazu ist zunächst einmal eine solide Finanzpolitik notwendig. Vor allem müssen Bund, Länder und Gemeinden in Westdeutschland ihre Ausgaben einschränken. Substantielle Sparleistungen sind auf allen Ebenen des Staates notwendig: durch Rationalisierung, Privatisierung und den Abbau von Subventionen.

ZEIT: Können Sie denn schon ein paar Kürzungsvorschläge für Subventionen vorlegen?

Necker: Sie können doch nicht erwarten, daß die Betroffenen, also in meinem Fall die Industrie, selber die Vorschläge zum Abbau der Subventionen macht. Die Führungsaufgabe hat eindeutig die Politik.