Von Tilman Urbach

Achtzehn Jahre Arbeit, fünf Bücher, mehr als 2000 Seiten Reflexion über die Gegenwart und mögliche Zukunft der Bundesrepublik, der ehemaligen DDR – ist Günter Herburger der letzte Utopist, ein gesellschaftlicher Neuerer, der in der Tradition von Morus und Campanella, von Brecht und Bloch steht? Eine Frage, die sich eben nicht eindeutig beantworten läßt, denn der letzte Band „Thuja“, der der ganzen belletristischen Unternehmung seinen Namen gab, beschreibt kein Wunderland, enthält keine Rezeptur zur Verbesserung eines Staates; gleichwohl ist er von der Wirklichkeit nicht isoliert. Vielleicht enthält diese Beschreibung von der ökonomischen und ökologischen Katastrophe Süddeutschlands und deren Überwindung, in die das phänomenale Schlußbild einmündet, tatsächlich so etwas wie eine mögliche und wünschenswerte Zukunft.

„Ich sitze in einem Märchenbüro“, hat der Autor einmal gesagt, „und schreibe, probiere Entwürfe aus, die aus der Gegenwart in eine Zukunft streben.“ Ein Märchen, ein Wunschbild, also doch, auch ein poetischer Gegenentwurf, aber eben kein Programm.

Thuja, das ist der Lebensbaum, ein Symbol menschlicher Existenz, das vor allem auf Friedhöfen steht. Günter Herburgers Trilogie erzählt vom Leben. Und ebenso wuchernd und weitverzweigt wie die Thujastaude hat der Autor sein Romanwerk angelegt: als anarchisches Durcheinander, ungeschliffenes Chaos, als nur scheinbar zu ordnendes und ortendes Gesamtgebilde. Dabei hat Herburger die an Carlo Emilio Gadda geschulte Abschweifung, die ausgreifende Beschreibung zum Prinzip erhoben: Handlungsstränge überlappen einander, Themen finden nicht selten ein abruptes Ende und erst einige Kapitel später ihre Fortführung, Motive werden nur angerissen.

Am Anfang steht ein seltsames Experiment: Im Widerstreit von bestehenden Herrschaftsverhältnissen und ihrer Überwindung beschließt ein Geheimbund von Lohnabhängigen die kreuzweise Paarung von Personen ganz unterschiedlicher Milieus. Bewiesen werden soll, daß gesellschaftlicher Erfolg keineswegs vererbt wird, sondern das Resultat des soziologischen Umfeldes ist. So wird dem Einfetter Charly die Millionärin Hella Münz zugeführt, der Milliardär Quatander gekidnappt, damit er mit der Arbeiterin Rosa ein Kind zeugen kann. Auf diese Weise entstehen die Kinder Angela und David.

Aber das gesellschaftliche Experiment wird nicht weiterverfolgt. Statt dessen schickt uns der Autor auf eine aberwitzige, phantastische Reise. Johann Jakob Weberbeck, eine Art Kurier zwischen den verstreuten Mitgliedern des Geheimbundes, wird schließlich gefangengenommen und sitzt zu Beginn des zweiten Teils der Trilogie in Einzelhaft. Durch ihn versucht man, dem Drahtzieher der Quatander-Entführung auf die Spur zu kommen. Aber Weberbeck wird befreit und durchquert flüchtend die „Leitplankenkultur“ der Bundesrepublik, spricht mit Tieren und trifft immer neue Figuren.

Erst im umzäunten Reservat Morgenthau, einem verkrauteten Agrarstaat nach dem Vorbild des Morgenthau-Plans, findet Weberbeck zeitweiligen Unterschlupf. Von dort reist er in einem unterirdischen Zug mit eigenartigen Plüschsesseln in den sozialistischen Teil Deutschlands, lernt den Alltag in einem Chemiekombinat kennen und landet schließlich auf einem Schriftstellerkongreß. Schließlich reißt Weberbeck wieder aus, durchquert abermals Morgenthau und kommt in den blutigen Kämpfen um die Gesamthochschule Essen um. Da hat der Leser bereits vier Bücher hinter sich: „Flug ins Herz“ (Teil I und II) und „Die Augen der Kämpfer“ (ebenfalls zweibändig).