Von Jürgen Dahl

Es ist immer dasselbe: Man mag nicht wahrhaben, daß der Winter vor der Tür steht. Über den letzten Herbstastern taumelt ein Admiral, die Mispel blüht zum zweiten Mal, man hofft auf einen Aufschub, auf drei, vier warme Tage – aber schon morgen kann alles vorbei sein, die Mispelblüten braun und leblos, der Admiral retiriert, vielleicht versucht er im Schuppen zu überwintern statt in mittelmeerischen Gefilden, wohin er längst geflogen sein müßte.

Ein paar Vorräte können wir mitnehmen in den Winter – und ein paar Düfte. Zum Beispiel das getrocknete Mariengras, das uns süßen Heuduft schenkt und die Erinnerung an warme, windstille Tage im Spätsommer. Früher nannte man das wohlriechende Gras "Mariae Bettstroh", heutzutage wird es in Polen dem berühmten Wodka Zubrovka beigefügt, was weniger ein Zeichen für den Verfall der Sitten ist als vielmehr eines für die Vielseitigkeit mancher Nutzpflanzen.

So wie auch die Blätter von Lippia triphylla, die wir jetzt ernten müssen, einerseits für Parfums verwendet werden, andererseits als Mittel gegen Blähungen, und drittens, bei den Franzosen, als erfrischender verveine-Tee. Die kleinen Sträucher, die in sanfterem Klima über zehn Meter hoch werden, haben den Sommer im Garten verbracht, sind wieder einmal nicht zur Blüte gekommen und müssen jetzt ins Haus, wo sie entweder trocken und scheintot überwintern oder, wenn wir sie gießen, nach einer kurzen Ruhepause hektisch zu treiben beginnen, was aber dem süßen Zitronenaroma ihrer Blätter kaum Abbruch tut.

Vor hundert Jahren war dieser "Zitronenstrauch" eine beliebte Zimmerpflanze, heute ist es schwer, sie überhaupt zu beschaffen: Die Moden ändern sich. Wenn sich doch die Weihnachtsblumen-Mode änderte, wenn doch anstelle von Millionen elender, chemisch gestauchter sogenannter Weihnachtssterne Millionen zartduftender Lippias verschenkt würden!

Auch der Oleander muß nach drinnen, und die Duftpelargonien, und der Rosmarin ... Gern verschiebt man das Töpfeschleppen und meint, es hätte noch Zeit, und dann muß alles innerhalb von ein paar Stunden geschehen. Dabei sind die Kamelien so schwer geworden, daß einer allein sie gar nicht zu heben vermag. Jetzt könnte man Helfer brauchen.

Also müßte man ein Spätherbstfest anberaumen und dann so streng verfahren wie vor 150 Jahren der Freiherr von Haxthausen, ein westfälischer Querdenker, Märchensammler, Agrarpolitiker, Zarenberater, Wiederbegründer des Malteserordens et cetera et cetera. Wenn er, was häufig vorkam, auf sein Schloß Thienhausen einlud, dann mußten die Gäste die Ärmel hochkrempeln und mit Hacke und Spaten im Garten arbeiten, ehe sie etwas zu essen bekamen, und der Hausherr – schreibt Lulu von Strauß und Torney – "wachte streng darüber, daß keiner sich dieser Pflicht entzog".