Von Reinhard Merkel

Beklemmend an dem Erlanger Fall ist weniger die ethische "Grenzsituation", die er angeblich vorstellt. Sie ist bei weitem weniger prekär, schmerzhaft oder tragisch als andere, längst bekannte und jährlich vieltausendfach auftretende Entscheidungsprobleme des klinischen Alltags zwischen Leben und Tod. Beklemmend ist das Argumentniveau des öffentlichen Stimmengewirrs dazu. Dieses Land, dessen medizintechnische Möglichkeiten zu den höchstentwickelten der Welt gehören, scheint sich geradezu anzustrengen, seine begleitenden ethischen Reflexionen definitiv auf die verjährten Standards von Weltanschauungen und die Beliebigkeit populärer Gesinnungen zu verpflichten.

Rechtliche Direktiven für das Verhalten der Ärzte gab und gibt es nicht. Der "Schwangerschaftsabbruch", den Paragraph 218 des Strafgesetzbuchs bestraft, setzt begrifflich eine Schwangerschaft und diese die gegenwärtige Existenz einer Schwangeren voraus, will man Sinn und Wortlaut der Norm nicht ins Bizarre dehnen. Paragraph 168 Strafgesetzbuch verbietet "beschimpfenden Unfug" an einer Leiche. Aber es gehört wahrhaftig die Ignoranz unserer öffentlichen politischen Rituale dazu, dies hier für einschlägig zu halten. Wer allerdings, wie es eine bemerkenswerte interfraktionelle Frauenriege des Bundestags tut, "die Menschenwürde der toten Frau" verletzt sieht, dürfte wohl a fortiori zur Annahme "beschimpfenden Unfugs" gezwungen sein und ginge, statt öffentlich Gesinnung zu demonstrieren, besser zum zuständigen Staatsanwalt.

Was die Erlanger Ärzte hätten tun oder unterlassen sollen, ist ausschließlich eine Frage der sozialen Ethik. Deren Aufgabe kann in einem säkularisierten Staat des ausgehenden 20. Jahrhunderts nichts anderes mehr sein als der Schutz legitimer Interessen und die Regelung ihrer Kollisionen. Die profane Formel zeigt einen erheblichen Verlust an Pathos und Rhetorik gegenüber den klassischen Konzepten des "guten Lebens und Handelns" an. Das mag man bedauern. Andern kann man es nicht. Religiöse Offenbarungen und ewig gültige Prinzipien, das wußte schon Max Weber, können in einer liberalen, polytheistischen, internationalisierten, um nicht zu sagen "multikulturellen" Gesellschaft keine allgemeine Verbindlichkeit mehr erzeugen und reklamieren. Es ist ein irritierendes Armutszeugnis der medizinethischen Debatte in Deutschland, daß bei jeder Grundsatzfrage, die über dem Horizont der eingespielten Geläufigkeiten liegt, noch immer Priester und Theologen für die zuständigen Erkenntnisquellen gehalten werden.

Akzeptiert man diesen Befund, dann zeigt ein nüchterner Blick auf das Erlanger Szenario dieses Bild: Unmittelbare Adressaten des Verhaltens der Ärzte sind der Fötus und die tote Frau. Deren Interessen in dieser Konstellation sind daher primär zu klären und auf mögliche Kollisionen zu untersuchen. Mittelbar als nächste betroffen sind die Eltern der Toten: ihre Interessen im Hinblick auf die Art des Verfahrens mit der Leiche ihrer Tochter und auf ihre künftige Verantwortlichkeit für das Kind.

In größerem Abstand dazu liegen verschiedene Interessen der Gesellschaft: am Schutz symbolischer Grundlagen unserer Lebensform im Umgang mit Verstorbenen; an der gerechten Verteilung knapper intensivmedizinischer Ressourcen; an der Vermeidung sinnloser Kosten in dieser Sphäre. In dem komplexen Spiel der Interessenkollisionen liefert die größere oder geringere Distanz eines Interesses zu den klinischen Vorgängen nur ein Indiz für seinen Vor- oder Nachrang. Sein größeres Gewicht kann die größere Nähe anderer Interessen ausgleichen.

Für den Fötus geht es um Leben oder Tod. Von einem juristischen Recht auf Leben kann, da ihm der Abtreibungsparagraph hier keinen Schutz gewährt, nicht gesprochen werden. Immerhin sollte man bedenken, daß selbst die (vermutlich) kommende Fristenlösung Föten wie diesen auch gegen den Willen der Mutter schützt. Die Rechtsordnung wird auch künftig Ungeborenen jenseits der 12. Woche ihrer Entwicklung ein Lebensrecht zuschreiben, das stärker ist als die Autonomie der Schwangeren. Wer die Fristenlösung für richtig hält, das grundsätzliche Verbot späterer Abtreibungen billigt und sich dennoch über die Erlanger Ärzte entrüstet, steht auf dem Flugsand einer abstrusen Logik: Wenn selbst der artikulierte Abtreibungswille einer lebenden Schwangeren vom Lebensrecht ihres Viermonatsfötus gebrochen wird, dann ist unerfindlich, wie das Fehlen eines solchen Willens, das Fehlen eines Autonomie-, ja jedes aktuellen Interesses überhaupt, nämlich ihr Status als Leichnam, stärker sein sollte als eben jenes Lebensrecht.