Von Andrea Böhm

Zwölfeinhalb Millionen Dollar machen Mulugeta Seraw nicht wieder lebendig. Aber Seraws Familie, seine Freunde und die schwarze Community in Portland haben zumindest die Genugtuung, daß die Täter nicht nur hinter Gittern sitzen, sondern auch bis an ihr Lebensende für die Tat bezahlen müssen – im wörtlichen Sinne.

Mulugeta Seraw, Immigrant aus Äthiopien, wurde in der Nacht des 12. November 1988 in Portland, Oregon, von drei jugendlichen Skinheads angehalten, zu Boden geschlagen und schließlich mit einem Baseballschläger und Stiefeltritten gegen den Kopf zu Tode geprügelt. Die Polizei nahm wenig später mehrere Mitglieder der Skinheadgruppe East Side White Pride unter Tatverdacht fest. Drei wurden 1989 wegen Mordes an Seraw zu langen Haftstrafen verurteilt.

Doch die unmittelbaren Anstifter konnten strafrechtlich nicht belangt werden: Tom und John Metzger, Führer der rassistischen White Aryan Resistance (WAR). Die Metzgers hatten ein paar Monate zuvor von Skinheadgruppen in Portland gehört. Sofort schickten sie Mitglieder der WAR los, ausgestattet mit Propagandamaterial, Videokassetten und Baseballschlägern, um Nachwuchs zu rekrutieren. Einer von Metzgers Leuten hatte am Abend des 12. November bei einem East Side White Pride-Treffen die Skins in einer Rede aufgefordert, auf die Straße zu gehen "und für den weißen Stolz zu kämpfen". Wenige Stunden später war Mulugeta Seraw tot.

Nach Abschluß des Strafverfahrens gegen die Täter klagten Seraws Angehörige vor dem Zivilgericht sowohl gegen die Skinheads als auch gegen Tom und John Metzger sowie die White Aryan Resistance. Diese hätten die Jugendlichen aktiv zu rassistischen Gewalttaten ermutigt und seien somit ebenfalls haftbar. Das Gericht akzeptierte die Argumentation und gewährte den Seraws die geforderte Summe. Die Metzgers wurden zur Zahlung von neun Millionen Dollar, die WAR zu einer Strafe von drei Millionen Dollar verurteilt. 500 000 Dollar müssen die inhaftierten Skinheads bezahlen. Das Haus der Metzgers ist bereits zwangsversteigert worden.

Die juristische Grundlage für dieses ungewöhnliche Urteil findet sich im Gesetzbuch des Staates Oregon unter der Rubrik "hate crime" (Haßverbrechen). Sie ermöglicht, Verbrechen und Vergehen härter zu ahnden, wenn dem Täter rassistische oder anderweitig diskriminierende Motive nachgewiesen werden können. Wer zum Beispiel eine Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert, muß nicht nur mit einer Anklage wegen Landfriedensbruchs und Sachbeschädigung, sondern auch wegen "Vandalismus gegen Institutionen" rechnen, worunter alle religiösen Einrichtungen fallen.

Wer einen Menschen wegen dessen Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung bedroht oder angreift, kann nicht nur wegen Körperverletzung oder Beleidigung, sondern auch wegen des strafverschärfenden Tatbestands der Einschüchterung angeklagt werden. Obendrein können die Betroffenen oder deren Angehörige zivilrechtliche Ansprüche an die Täter stellen. Dieser Weg stand Opfern von Gewaltverbrechen auch vorher schon offen. Doch im Rahmen der hate crime-Gesetzgebung können sie an den Beklagten nicht nur Schadenersatzansprüche, sondern auch Geldforderungen stellen, die nur einen Zweck haben: Strafe.