Ich war eine halbe Stunde weg, weil ich mir überlegen musste, wie ich Ihnen meine heutige Kolumne schmackhaft machen könnte. Weil ich nämlich weiss, dass Buchbesprechungen in meiner Kolumne ungefähr so beliebt sind wie Motten in meinem Versace-Jackett...

Ich mag’s gerne, wenn da ein Schwänzchen und dort ein Schlitzchen auftaucht. Am liebsten beides zusammen. Wenn ich Ihnen jetzt mit dem bekannten Tomi Ungerer komme, der soeben im Heyne-Verlag „Erzählungen für Erwachsene“ – illustriert – herausbringt, herauswürgt, herauskotzt, herauspisst, herausscheisst, dann merken Sie, dass ich dieses Buch nicht mag. Ich hasse diese Art der Provokation für Fr. 35.10. Ich verabscheue Ungerer, der seinen hässlichen Mal-Dreck endlich für sich behalten sollte. Ungerer-Klopapier – da würde ich mitmachen.

Beat Wüthrich in der „Weltwoche“ vom 22. Oktober 1992

Das Philosophen

Atemlos haben wir uns neulich über das „Plädoyer für eine freie Philosophie“ hergemacht, eine regelrechte Antrittsvorlesung in der Garrulogie, die Wilhelm Schmid in einer großen süddeutschen Tageszeitung abhielt. Ordentlich heimgeleuchtet hat er da der „Schul-Philosophie“ und den Lehrstuhlinhabern, die „mit verschränkten Armen und vom hohen Roß herab die Entwicklung beobachten“. Nicht, daß er was gegen die Universität hätte, „leider aber ist der regelmäßige Eingang des Monatsgehalts für die Wachsamkeit gegenüber den Problemen der Gesellschaft nicht unbedingt förderlich“. Deshalb drängt es ihn mit Macht hinaus, hinaus ins Freie, auf den Marktplatz, dorthin, wo der sei. Sokrates seinerzeit den Athenern auf die Nerven ging. „Viele werden dann in den Diskurs einbezogen, niemand ausgeschlossen.“ Ja so, eine Stelle will es, das Philosopherl, er traut sich’s halt noch nicht sagen. Vorläufig labt er sich an dem „Umstand, daß es keinen größeren Konzern mehr gibt, der in seiner Planungsabteilung nicht einen jungen, promovierten Denker sitzen hätte“. Mit Freuden treten wir in jenen sagenhaften Diskurs ein, der niemanden ausschließt. Hat doch eben die Zigarettenfirma Philip Morris ihr neues Kabinett vorgestellt, garantiert Skandal- und bislang sogar schuldenfrei. Minister für „Love“ und „Music and Nightlife“ gibt es da, auch einen für „Tomorrow“, nur den „Minister of Philosophy“ vermissen wir noch schmerzlich. Dabei wär das doch was für unsern jungen, promovierten Denker, dann genösse er endlich den regelmäßigen Eingang des Monatsgehalts und könnte gleichwohl gegenüber den Problemen der Gesellschaft schön wachsam sein. Kein Problem, gern geschehen! Nur eins, erlaubt die Bitte: Heißt das Dings wirklich „Philosophie“? Nicht vielmehr „Philerphobie“, wie der verwundete Schuster Sokrates meinte, oder doch „Philersophie“, wie es Xanthippe, des Denkers bodenständiges Weib, wieder einmal besser wußte? Ach nein, das ist ja nicht wahr, sondern von Brecht, und der war kein Philosoph. Schon gar kein freier. Der Arme.

Spaziergang im Weifengarten

Ausländer rein! Diesen für unsere Kultur richtigen Grundsatz befolgen die Herausgeber des einzigen und einzigartigen „Jahrbuchs für Essayismus“, Leo Kreutzer und Jürgen Peters. Da sie als Wissenschaftler in Hannover arbeiten, geben sie ihrem Jahrbuch, dessen zweiter Band jetzt erschienen ist, den schönen Namen „Weifengarten“. In dem kann man aufregende Spaziergänge unternehmen. Daß die als urdeutsch geltende Germanistik seit langem durch ausländische Forscher belebt und bereichert wird, ist für Universitätsmenschen nichts Neues. Hier nun kann auch der interessierte Laie nachlesen, was ein Gelehrter aus Yaounde über Schillers Alpendrama „Teil“, was ein Forscher aus Nsukka über Wilhelm Raabes Stuttgarter Romane oder Zhongua Luo (Schanghai) über die Bezeichnung „chinesischer Roman“ in der deutschen Literatur herausgefunden hat. Leo Kreutzer, immer gut für einen respektlos frischen Blick auf Goethe, nennt seine Studie über „Faust II“ denn auch „Fiesling Faust und sein Ghostwriter Goethe“. Zweites Kernstück des Jahrbuchs sind vier Studien über den noch immer verkannten Uwe Johnson. Das Jahrbuch (140 Seiten, 25 Mark, Abonnenten: 17 Mark) erscheint im Revonnah Verlag, Oeltzenstraße 19, 3000 Hannover 1. Dort sind auch noch einige Bände des ersten Heftes erhältlich (20 Mark, Abonnenten: 15 Mark): wenig Geld für viel neue Erkenntnis.