Feuerwerk erhellte den Himmel, Autos hupten bis tief in die Nacht hinein. Eine ungewöhnliche Hochstimmung ergriff das kriegszerstörte Beirut, als Libanons Präsident Elias Hrawi Ende vergangener Woche seinen neuen Ministerpräsidenten ernannte – Rafik Hariri. Der 49jährige Milliardär aus armem Elternhaus weckt die Hoffnung, daß der Wiederaufbau des Landes endlich vorangeht. Der Libanon steckt nach zwei Jahren syrisch diktiertem Frieden in der schwersten Wirtschaftskrise seit seiner Unabhängigkeit.

Die Inflation galoppiert. Höchstens die Hälfte des Staatshaushalts ist durch Einnahmen gedeckt. Arbeitslosigkeit grassiert. Sechzehn Jahre Bürgerkrieg haben die Infrastruktur zerstört. Das Wasser ist verschmutzt, rund sechzig Prozent des Kommunikationsnetzes funktionieren noch immer nicht. Nur ein Viertel bis ein Drittel des Elektrizitätsbedarfs ist gedeckt. Die Hälfte des Straßennetzes müßte dringend repariert werden. Einem Viertel der Bevölkerung fehlt ein Obdach. Rund 500 Schulen müßten aufgebaut werden.

Hariri soll diese drängenden Probleme lösen. Dafür benötigt der neue Ministerpräsident Milliarden, die aus dem Ausland kommen müssen. Doch die Geldquellen werden erst sprudeln, wenn die neue Regierung Vertrauen geschaffen hat. Die Weltbank beispielsweise hält für den Libanon noch bestimmte Mittel zurück, weil sie bezweifelt, daß das Geld seinen Bestimmungsort erreicht. Die Korruption soll inzwischen schlimmer sein als in Syrien – und das will etwas heißen. Daß die Minister der beiden vorigen Regierungen vorwiegend in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, gilt als offenes Geheimnis.

Die Libanesen glauben, daß Hariri, der mehr als siebzig Prozent der Parlamentsabgeordneten hinter sich weiß, den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Schließlich hat er ihnen Erfolg schon vorgelebt. Als junger Mann ging Hariri nach Saudi-Arabien und gründete dort schon 1971 sein eigenes Bauunternehmen. Weitere kamen hinzu. Er rückte zum Freund und Berater König Fahds auf. Heute verfügt der Farmerssohn nicht nur über die libanesische, sondern auch über die saudiarabische Staatsbürgerschaft. In den achtziger Jahren kaufte Hariri auch zahlreiche Unternehmen im Libanon auf.

Sein Imperium beschäftigt inzwischen 15 000 Angestellte. Der Reichtum, der Häuser in den Vereinigten Staaten, Europa, Saudi-Arabien und im Libanon, zwei Boeing 737, Hubschrauber und eine Siebzig-Meter-Jacht einschließt, verschafft Hariri Unabhängigkeit und Macht. Korruption hat er nicht nötig.

Gleichzeitig hat Hariri bewiesen, daß er andere an seinen Milliarden teilhaben läßt. So steckte er erhebliche Mittel in zahlreiche humanitäre Projekte wie Schulen oder Krankenhäuser. Er gründete eine Stiftung, die inzwischen mehr als 30 000 Studenten ein Stipendium gewährt hat. Dieser Nachwuchs ist ihm nun ergeben. Auch den Wiederaufbau seiner Heimatstadt Sidon finanzierte weitgehend er. Das soziale Engagement bescherte dem zweifachen Ehrendoktor – Nizza und Boston – den Ruf, ein philantropisch gesinnter Mensch zu sein, dem die gebeutelte Bevölkerung vertrauen kann.

Zudem schüren seine internationalen Verbindungen die Erwartung, daß der neue Mann Kapital in den finanziell ausgetrockneten Libanon holen kann. Dabei denken die Libanesen vor allem an die ölreichen Golfstaaten. Früher fürchteten sie einen zu großen Einfluß von dort; nun könnte sich vor allem Saudi-Arabien als wünschenswertes Gegengewicht zur De-facto-Besatzungsmacht Syrien entwickeln.