Von Synnöve Clason

Haben Sie sich je überlegt, in die Bundesrepublik zu gehen, die DDR zu verlassen?

Ja, nicht nur einmal. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich es vielleicht getan. Aber von einer Männergesellschaft in eine andere zu gehen hat wenig Sinn. Außerdem, wenn ich hier mit der Stasi und der Zensur zu kämpfen hatte, im Westen müßte ich mit dem Markt kämpfen. Alle zwei Jahre ein Buch, um nicht in Vergessenheit zu geraten, ein Image mir anlegen, ein Warenzeichen haben, und übrigens: Wozu soll man Literatur schaffen, wenn die zwischen drei Illustrierten, zwei Fernsehsendungen und einem Videofilm konsumiert wird, so nebenbei? Wozu soll ich mich überhaupt abquälen, die verschleißende Arbeit der Fertigstellung von Texten – Ideen hab’ ich schon, immer! – zu leisten, wenn keiner die Konzentration aufbringt, die meine Texte fordern?

Können Sie das Schreiben lassen?

Ja, ich kann mir die Zeit auch so vertreiben. Ich muß nicht schreiben.

Sie haben in die sogenannte Frauenliteratur etwas eingebracht, was keine andere gemacht hat. Ist das nicht eine Art Image, ein Warenzeichen, und wenn, muß das gleich negativ sein? Das ist doch systemunabhängig, jeder große Schriftsteller schreibt doch immer dieselbe Geschichte, über dieselben Verletzungen, wenn Sie so wollen?

Ja, aber es ist ein Unterschied, ob man als Frau das in einem Land tut, wo man nicht jeden Tag und an jeder Straßenecke an den Sexismus erinnert wird, sondern wenn zwischen jeder Beleidigung wenigstens zwei, vielleicht vier Wochen vergehen. Es ist auch ein Unterschied, wenn man in einem Land schreibt, das Konzentration auf die Sache ermöglicht, auch wenn natürlich der Frauenalltag hier eine Menge Mühen hat, die von der Konzentration abbringen.