Von Dieter Buhl

Amerika hat sich für den Wandel entschieden. Die Wahl Bill Clintons zum Präsidenten markiert nicht nur das Ende einer zwölfjährigen Herrschaft der Republikaner im Weißen Haus. Sie bedeutet auch einen Generationswechsel und die Übergabe der Macht von einem welterfahrenen Staatsmann an einen allerdings sehr lernfähigen Provinzgouverneur. Die erste Präsidentenwahl nach dem Ende des Kalten Krieges entspricht den veränderten Prioritäten der Wähler. Ihr Mandat für den neuen Mann an der Spitze weist in eine eindeutige Richtung: Statt des Schutzes vor möglicher Gewalt von draußen verlangen die Amerikaner erst einmal sichere und bessere Verhältnisse zu Hause.

Die veränderte Weltlage hat sich im Wahlkampf widergespiegelt. Außenpolitik wurde weitgehend in Fußnoten der Reden und Programme verbannt. Die Blicke der Amerikaner haben sich nach innen gewandt. Sie suchten deshalb nicht in erster Linie nach dem Weltenlenker, der – die Hand nahe beim roten Knopf – das meiste Vertrauen weckt. Gefragt war vielmehr ein Präsident, der dem Land wieder Perspektiven geben kann. Bill Clinton entsprach mit seinem Programm den veränderten Vorstellungen von nationaler Sicherheit. Er wird sich weniger auf die militärische Schlagkraft konzentrieren und statt dessen mehr Wert auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit legen.

Das Versprechen, mit dem sich John F. Kennedy als Präsident vorstellte, wird deshalb bei der Amtseinführung seines Verehrers Clinton nicht mitschwingen. Amerika wird nicht "jeden Preis zahlen und jede Bürde tragen", um den Erfolg der Freiheit in der Welt zu sichern. Amerika wird sich erst einmal um sich selber kümmern. So jedenfalls verlangt es die Wunschliste der Wähler, auf der Arbeitsplätze und soziale Absicherung, Schutz vor der epidemischen Kriminalität und ein besseres Bildungssystem die obersten Plätze einnehmen. Die Stimmung der Amerikaner mag schlechter sein als die Lage. Die Sorge jedoch über eine karge Zukunft und ein Ende des American way of life breitet sich aus. Jene "beinahe unbegrenzten Horizonte", an denen sich Thomas Jefferson selbst in schwersten Krisenzeiten aufrichtete, verdunkeln sich in amerikanischen Augen.

Trotz aller Abschweifungen in die Demagogie hat der Präsidentschaftskampf ernüchternde Erkenntnisse vermittelt. Solange Amerika in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion Stärke beweisen mußte, wurden die inneren Schwächen verdrängt. Jetzt liegen sie, auch dank der gnadenlosen Bestandsaufnahme des Kandidaten Ross Perot, offen zutage. Das Land hat jahrzehntelang weit über seine Verhältnisse gelebt und ungeheure Schulden angehäuft; es hat große Teile seiner Bildungseinrichtungen verkommen lassen und viele Industrien unter dem Druck ausländischer Konkurrenz schließen müssen; vor allem aber ist es dabei, den Glauben an seine Einzigartigkeit zu verlieren.

Die Malaise zu überwinden ist der wichtigste Wählerauftrag an den neuen Präsidenten. Seine Erfüllung setzt Führung in ihrer unerbittlichsten Form voraus – Opfer zu verlangen. Andere Völker, nicht zuletzt auch die Deutschen, müssen ebenfalls den Gürtel enger schnallen. Bisher haben sie nicht einmal eingeatmet. Ob ausgerechnet die Amerikaner ein Beispiel an Selbstbescheidung abgeben, hängt zuerst von Bill Clintons Entschlossenheit und Überzeugungskraft ab.

Clintons Sieg läßt die Welt, zumal Europa, hoffen, daß in Amerika die Aufräumaktion endlich beginnt. In der Euphorie nach dem Zusammenbruch der Mauer und des Sowjetimperiums war die Neue Welt etwas aus dem Blickwinkel der Europäer geraten. Jetzt haben die Konvulsionen nach Maastricht und das Schlachten auf dem Balkan besonders der Europäischen Gemeinschaft ihre Grenzen aufgezeigt. Trotz aller Krisenerscheinungen bleibt Amerika die mächtigste Volkswirtschaft, der reichste Markt und die einzige Supermacht. Dies sind in Zeiten ökonomischer und politischer Unsicherheit auf dem europäischen Kontinent Gründe genug, dem großen Partner einen neuen Aufschwung bei fortdauernder Weltoffenheit zu wünschen.