Von Theo Sommer

I.

Es kann einer vierzehn Tage durch die Vereinigten Staaten reisen und dabei kaum je aus den Ghettos der Schwarzen herausfinden, aus Innenstädten, die wie ausgebombt wirken, und aus verkommenen Elendsquartieren. Es wäre eine Reise durch die Finsternis: Amerika.

Es kann einer aber auch vierzehn Tage durch das weite Land fahren und allenthalben, von Westehester County im Norden von New York bis Sausalito hinter der Golden Gate Bridge, nur Zeichen der Wohlhabenheit, ja des überbordenden Reichtums wahrnehmen. Es wäre eine Reise durch den Überfluß: auch Amerika.

Zur ganzen Wirklichkeit gehört beides – und noch einiges mehr. Die bittere Armut in den vom Fortschritt vergessenen Dörfern der Appalachen und die stets frisch gemähte Wohlanständigkeit der Kleinstädte des Mittleren Westens. Verfallene Farmgebäude im Mais-und-Bibel-Gürtel, aber auch neue Gehöfte mit ganzen Batterien aluminiumglänzender Silotürme. Stickige, schmutzige Greyhound-Busstationen, in denen es nach Kaffee riecht, nach doughnuts und Virginia-Tabak, und weitläufige, futuristische Riesenflughäfen, wo Trambahnen schaffnerlos und lautlos die Passagiere über weite Strecken zu den Flugsteigen befördern. Eimertiefe Schlaglöcher auf dem Broadway und Baustellen auf den Ausfallstraßen der großen Städte. Dazu die Welt der Gangster und die der Laienprediger, die Schummrigkeit der topless luncheon bars und die ländlich-sittliche Unverderbtheit kirchlicher potluck suppers.

All dies bildet zusammen Amerika. Wenn es ein verbindendes Symbol gibt für seine Vielfalt, so ist es der Einkaufswagen. In den Supermärkten füllen ihn die Menschen mit den raffiniertesten Produkten aus aller Herren Länder. Unter den Brücken in Manhattans Central Park oder den Palmen von Santa Monica dient er den Obdachlosen als Vagabunden-Vehikel. Sie bewahren darin, sorgsam in Plastiktüten verpackt, ihre kärgliche Habe auf. Er ist das umgitterte Depositorium und Repositorium ihres Lebensinhalts.

Eine der Fragen, die im Herbst 1992 die Amerikaner umtreibt, lautet ganz einfach: Wie viele von ihnen werden die Einkaufswagen noch durch die Supermärkte schieben können – und auf wie viele wartet das bittere Los, sie als grausam abgespeckte Version des amerikanischen Traums vom mobile home unter Brücken in öffentlichen Anlagen parken zu müssen? Es ist die Frage nach der wirtschaftlichen Lage des Landes.