Was ist mit Joschi oder Jossei, also dem Josef, wie es in seinem Paß steht? Jude ist er, im KZ war er, Pole ist er gewesen, Deutscher ist er jetzt. Wovon lebt er und wie, und was gibt ihm zu denken, wenn er nicht schlafen kann? Dann muß er daran denken, daß er nach dem KZ erst mal besser Deutsch lernen mußte; er lernte es auf der Straße, handelte mit Sachen des täglichen Bedarfs, ganz wie sein Vater: Der klingelte in Warschau bei den reichen Juden. Dasselbe machte er später in Berlin. Doch arm wollte er lieber in Polen sterben, und so kehrte er heim.

Josef wechselte von der Straße in einen Lagerraum und importierte getragene Garderobe aus Amerika. Als sich die Leute wieder neue Sachen leisten konnten, exportierte er die alten nach Polen. Josef heiratete eine Deutsche, die den mosaischen Glauben annahm. Seine Kinder kamen aufs Gymnasium. Wegen der Kinder mietete er eine Wohnung in einer Gegend, wo Eltern von Gymnasiasten wohnen mußten.

Und die Polen? Das fragt sich Josef auch, wenn er nicht schlafen kann. Sie sind nicht gerade judenfreundlich. Ihm schwant oft, daß er Schlimmeres denkt. Und die Deutschen? Wenn man mit ihm über Deutsche redet, sagt er, daß sie nicht judenfeindlich sind. Darüber spricht er nur mit den Eltern von Gymnasiasten und Geschäftsleuten. In Frankreich, wo er öfter geschäftlich ist, trifft er immer Juden. Die sagen, daß niemand gegen Juden ist. Man muß es ja auch nicht jedem sagen, daß man Jude ist. Die Engländer, findet Josef, sprechen überhaupt nicht darüber. Und die Amerikaner? Josef kommt weit herum; was seine Kinder noch nicht gesehen haben, will er sehen. Je weiter er weg war, um so genauer hören sie hin. Und wenn er sagt, daß es in New York auch Judenfeinde gibt, hält er die dagegen, die das nicht sind. Die Amerikaner seien nicht so beharrlich; da flackert höchstens mal etwas auf.

Für Josef zählt neben dem Geschäft die Bildung. Je gebildeter ein Mensch ist, um so mehr denke er über alles nach – bis zur Verzweiflung. Gebildete Menschen seien freundlich. Freundlich ist sein Lieblingswort, nicht glücklich. Von Angst redet er selten. Er verheimlicht sie. Wollte Adolf Hitler, bevor er die Juden vergasen ließ, sie nicht in die Wüste schicken? War nicht die Rede von einem Land, wo sie alle Platz hätten und sonst niemand hinwolle? Selbst da hätten die Juden bald eine Universität gebaut, sagt Josef. Er ertappt sich bei dem alten Spruch: "Für das, was war, gibt der Jude nichts." Nur wer Verstand und Gemüt besitzt, der hat auch Witz. Und will der Josef einmal wieder "schön traurig" sein, erzählt er sich selber Witze, und zwar jüdische.