Von Fredy Gsteiger

Montreal

Sie hatten ein Monster erwartet, und es kam ein Mensch. Im Sommer reiste der Premierminister der frankophonen Provinz Quebec, Robert Bourassa, in Kanadas wilden Westen. Anderntags zierte sein Bild sämtliche Gazetten: Einer Journalistin, die gestolpert war, hatte er auf die Beine geholfen. Die Kommentatoren machten klar: Das hätten sie denn doch nicht erwartet, daß ausgerechnet der Regierungschef aus dem ewig widerspenstigen Quebec zu solcher Hilfsbereitschaft fähig sei. Zudem äußerte er sich in Lobeshymnen über die Städte im Westen: Modern seien sie und überaus dynamisch. Das Edmonton Journal schrieb: "Es zeigte sich, daß Robert Bourassa bei einer persönlichen Begegnung ganz unerwartet Wärme und Humor ausstrahlt."

Genau hier zeigt sich das Problem beim kanadischen Verfassungsstreit: Die Bürger zwischen British Columbia und Neufundland kennen einander nicht, Sie mißtrauen einander und unterstellen, jeder Provinz gehe es nur darum, jeweils die anderen in Geiselhaft zu nehmen und für sich am meisten von Ottawa zu erpressen.

Nach dem unversöhnlichen Nein der Kanadier zum jüngsten Versuch einer Verfassungsreform steckt das riesige Land im Schlamassel. Statt zusammenzufinden, ziehen sich die einzelnen Provinzen wieder in ihre Einsamkeiten zurück. Zwar traten die Bundes- und alle Provinzregierungen sowie die Eliten des Landes für diese Reform ein. Doch es gelang ihnen nicht, "Kanada den Kanadiern zu verkaufen". Der Riß zwischen Bevölkerung und politischer Klasse erinnert an die Maastricht-Debatte in Europa.

Natürlich sind die Bürger des leidigen Verfassungsstreits längst überdrüssig. Kanadas Politiker erreichen weltweit die tiefsten Beliebtheitswerte; die Wähler sind der Meinung, sie sollten sich endlich Wichtigerem zuwenden, statt Wälder abzuholzen für die Berge von Papier, die im Verlaufe der zwanzigjährigen Verfassungsdebatte bedruckt worden sind. Doch ist es wie bei einem Baseball-Spiel mit unzähligen Runden; längst schaut man nur noch zu, weil das Bier reichlich fließt und die Popcorntüten prallvoll sind. Aber sobald die Endrunde naht, steigt die Spannung wieder.

Nicht wenige glauben, nun beginne das Finale im "Kanada-Streit". Im Drugstore in Anglokanada wird darüber ebensoheftig debattiert wie beim dépanneur in Quebec – einem jener kleinen Läden, die fast immer geöffnet haben und alles Wichtige, vor allem aber Bier und Wein feilbieten. Überall wird nun wieder um Kanada gestritten. Aber wird auch für Kanada gestritten?