Ein Lexikon als Lesebuch oder umgekehrt. Nachschlageband und Aufsatzsammlung in einem. "Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933" der Titel. Die Literaturgeschichte des anderen Deutschland also. Vier Bände. Die ersten beiden – fünfzig Aufsätze im ersten Teil, eine Bibliographie im zweiten – umfassen den amerikanischen Westen, also Kalifornien; die letzten beiden – eine Bibliographie fehlt nun leider – den Osten, also New York. Ein "erster genauerer Überblick über das Phänomen der Exilliteratur in den Vereinigten Staaten", bemerken die Herausgeber, John M. Spalek und Joseph Strelka, im Vorwort bescheiden. Ein gewaltiges Werk, beinahe 3000 Seiten stark. Sündhaft teuer, ungewohnt aufwendig, doch gar nicht eingebildet. Ein letzter Rettungsversuch, ganz der Sache verpflichtet. Dienstleistung im besten Sinne.

Die Herausgeber fassen den Begriff "Exil" bewußt weit – für wen endete es denn schon 1945? Wer konnte es schon nach einer Rückkehr als abgeschlossen betrachten? "Die Fremde ist nicht Heimat geworden", stellte Alfred Polgar lakonisch fest: "Aber die Heimat Fremde." Und wer konnte schon von sich behaupten, daß nach Kriegsende auf einmal das Hauptwerk folgte? Zu ausgebrannt die meisten, kraftlos und entwurzelt – "beschädigte Leben", wie Adorno es nannte.

Und die Daheimgebliebenen? Stießen noch einmal nach, weil sie ihr schlechtes Gewissen nicht ertragen wollten. "Man wird es uns nie verzeihen", schrieb Walter Mehring 1948 an Hans Sahl, "daß wir uns nicht haben erschlagen oder ein bißchen vergasen lassen."

Einhundertzwanzig biographische Aufsätze, neun sogenannte Sammelaufsätze, zwanzig "thematische". New York als Thema der deutschsprachigen Exilliteratur etwa. Oder: die Kontroverse um "Das Andere Deutschland". Die Namen? Einmal ist von 300 die Rede, das andere Mal von rund 400. Im seitenlangen Personenregister schnell nachzuschlagen. Dazu ein Sachregister, das allerdings aus amerikanischer Sicht angelegt wurde: Wichtige deutsche Zeitungen und Zeitschriften, die in den Texten erwähnt werden, finden sich nicht; dafür amerikanische Orte, die uns kaum geläufig sind.

Das Werk ist von der Wissenschaft für die Wissenschaft geschrieben. Also wohldurchdacht, übersichtlich und, das ist selten in deutschen Landen, ohne eitles Fachvokabular oder ideologische Veitstänze. In den USA entstanden, an germanistischen Instituten verfaßt, von einem Schweizer Verlag veröffentlicht. In Deutschland – vielleicht gekauft? Jedenfalls in deutscher Sprache verfaßt.

Der Aufwand ist verblüffend. Archivrecherche in aller Welt, Nachlaßforschung, Korrespondenzen mit Zeitzeugen, Gespräche, Auswertung von Memoiren – eine Anstrengung, die für ausgewachsene Biographien reichte. Doch hier waren ja nur zehn, fünfzehn, selten zwanzig Seiten Text zu schreiben. Herausgekommen sind Reportagen, Werkübersichten, Lebensläufe – eine höchst informative, abwechslungsreiche Lektüre. Bei den bekannteren Autoren wie Walter Mehring oder Ivan Goll sind es die Werkanalysen, die im Mittelpunkt stehen; bei unbekannteren wie Ivan Heilbut oder Hans Natonek geht es zunächst einmal um die Sicherung von Lebensdaten.

Oft ist es ein deprimierendes Stöbern in Unvollendetem, Ungebundenem, nicht Veröffentlichtem – wenn diese Überreste denn überhaupt noch gefunden werden konnten. Reste abgebrochener Leben. Enttäuschungen hochfahrender Lebenspläne. Und immer wieder finden sich Hinweise auf Unveröffentlichtes oder Unübersetztes – Verlage sollten sich schleunigst an die "Ausschlachtung" dieses beeindruckenden Sammelwerkes machen. Stefan Berkholz