Besonderen Ruhm unter den Taschendieben in Frankreich genossen ums Jahr 1700 die italienischen Brüder Verdure. Der ältere von beiden wurde schließlich gefaßt und zum Tode verurteilt. Zur Hinrichtung strömte wie gewöhnlich das Volk zusammen. Der jüngere Verdure wollte sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, seinem Bruder ins brechende Auge zu sehen und dessen Genie auf angemessene Weise zu huldigen. Er drängte sich unter die Gaffer und stahl vier Uhren und eine Geldbörse, während der Henker seine Arbeit tat. Überliefert ist, daß sich Verdure der Jüngere nachher vor Kumpanen seiner Beute rühmte, aber tief bedauerte, daß er mit seinem Bruder nicht mehr teilen konnte.

Das Vergnügen an Geschichten über Beutelschneiderei hält sich bei den Geschädigten naturgemäß in Grenzen. Weder war weiland eine Börse mit Goldstücken noch ist heute eine Brieftasche mit Reiseschecks ein Pappenstiel, und so gibt es am kriminellen Charakter des Tatbestandes keinen Zweifel. Auf eine gewisse Hochachtung beim Publikum kann die fingerfertige Branche dennoch rechnen, und das nicht nur, wenn sie noch über die härtesten Maßnahmen der Ordnungskräfte triumphiert. Für gewöhnlich ernten Talent und Pfiffigkeit mehr oder minder offen den Beifall derer, die nicht gerade ihrer Barschaft oder anderer Wertgegenstände beraubt sind.

Oder wie reagiert der brave Leser von Kriminalnachrichten auf einen Vorfall, der sich an die 300 Jahre nach den Bravourstücken der Verdures abgespielt hat? Ein zweijähriges Mädchen, so hieß es im August 1985, habe auf dem International Airport von Los Angeles vom Karren eines Geldboten 85 000 Dollar stibitzt und sie seinen wartenden Eltern zugesteckt. Entdeckt und zur Rede gestellt, waren Mama und Papa scheinbar über den flinken Griff ihres Herzblattes nach fremdem Eigentum entsetzt, und wie selbstverständlich händigten sie dem Geldboten die Tasche wieder aus. Schon eine halbe Stunde später wurde der Familienverband jedoch gefaßt, als er zum zweitenmal zur Tat schritt.

Die Zweijährige in Los Angeles ist die jüngste Übeltäterin in Alexander Adrions Buch über die Zunft der Taschendiebe. Zu den betagtesten Vertretern der Fachschaft zählt bei Adrion ein gewisser Angelillo, der nach geschätzten 100 000 Beutezügen bei nur drei Festnahmen eines Tages die Hauptwache der Polizei von Barcelona betrat, wo sein Fahndungsphoto seit Jahren an der Wand hing. Der 72jährige Angelillo stellte sich aus Altersgründen. Der Polizeichef war angeblich nicht nur der Gerechtigkeit wegen erfreut. Er soll sich von dem zugelaufenen Experten auch nützliche Beratung erhofft haben.

Der Autor Adrion, studierter Philosoph und Psychologe, ist im Hauptberuf Zauberkünstler. Was die Zweifingerakrobatik angeht, ist sein Urteil also nicht zu unterschätzen. An sein Thema geht er locker heran. Dessen fragwürdige Moral erörtert er gebührend. Schmerzlich beklagt er die Verrohung des Gewerbes, wenn motorisierte Täter nun hinterrücks alten Damen die Handtaschen wegreißen. Den potentiellen Opfern weiß er wenig zu raten. Immerhin empfiehlt er, das Portemonnaie in die vorderen Hosentaschen zu stecken, an die sich die Diebe selten herantrauen. Oder er erzählt, was Richard Wagner über einen Besuch der Oper "Die beiden Diebe" in der Pariser Opera Comique zum besten gegeben hat: Während der Vorstellung tastete jedermann unwillkürlich nach seinen Wertsachen. Wagner mußte sich keine Sorgen machen. Seine Uhr war im Pfandhaus. Jost Nolte.

  • Alexander Adrion:

Taschendiebe

Der heimlichen Zunft auf die Finger geschaut; C.H. Beck Verlag, München 1992; 189 S., 34,– DM