Die neblige Nacht wird milchig weiß im Licht der Laternen. Sie markieren einen Fußweg in Serpentinen hügelan zu einem Palais, das in einem Park am Rande der Stadt liegt. Hier trifft sich eine Festgesellschaft. Das bayerische Fernsehen hat gerade eine Livesendung beendet, "Kino, Kino", und die Hofer Filmtage feiern. Durch das Gedränge der Gäste balancieren die Kellner ihre Tabletts. Small talk, belegte Brötchen und "Hallo!". Auch der Nebel draußen ist eigentlich stinknormal. Es ist November.

Und doch ist etwas faul an dieser Feier für den deutschen Film, dem sich das Hofer Festival seit 26 Jahren verschrieben hat. Als Hof begann, gab es eine Vision: "Abschied von Gestern" hieß ein neuer deutscher Film von Alexander Kluge. Jetzt aber laufen in diesem Land die Uhren rückwärts. Da gilt es schon als Sieg, wenn etwas bleibt, wie es ist. Obwohl der deutsche Film von einem Schwächeanfall in den nächsten taumelt, hat sich das Hofer Festival nicht verändert. Die Gesellschaft im umnebelten Palais ist trunken vor Routine, eine Seuche dieser Jahre. Für den Notfall heißt die Parole: einfach weitermachen. Vorne ein deutscher Titel, hinten ein deutscher Abspann, auf der Leinwand deutsche Schauspielergesichter, Länge: neunzig Minuten. Es ist bewiesen: Der deutsche Film lebt.

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Fünfundzwanzig neue Produktionen hat Festivalleiter Heinz Badewitz für die Hofer Filmtage zusammengetragen, drei davon haben die Projektion überlebt: "Herzsprung" von Heike Misselwitz (die Entdeckung), "Ich bin meine eigene Frau" von Rosa von Praunheim (der Publikumserfolg), "Terror 2000" von Christoph Schlingensief (der ewige Streitfall). Es sind drei Filme über Deutschland. Heike Misselwitz erzählt ein todtrauriges Märchen von fast somnambuler Schönheit über ein verwunschenes Land, die Ex-DDR. Rosa von Praunheim portraitiert ein deutsches Leben, einen Sonderfall an Exzentrizität und Zivilcourage, den Transvestiten Charlotte von Mahlsdorf. Und Christoph Schlingensief, der Ekstatiker, zeigt einen neuen filmischen Nervenzusammenbruch angesichts der "Intensivstation Deutschland" (und den Kettensägen-Alltag der deutschen Wiedervereinigung).

Hof ’92 – das waren die Filmtage zur deutschen Misere. Schon die Titel der Filme klangen reichlich dunkel: "Schatten der Liebe", "Schatten der Angst", "Schattenboxer". Niklaus Schilling zeigte eine Fortsetzung seines "Willi-Busch-Reports": "Deutschfieber".

1979 knatterte Willi Busch aus Friedheim mit seinem gelben Messerschmitt-Kabinenroller an der deutsch-deutschen Grenze entlang, immer auf der Suche nach Schlagzeilen für seine Provinzzeitung, die Werra-Post, deren Leserschaft durch die deutsche Teilung bedrohlich dezimiert worden war. Dazu kam, daß Friedheim seinem Namen alle Ehre machte. Es passierte wirklich nichts. Und so mußte Willi Busch die Friedheimer Skandale, über die er berichtete, vorher selber inszenieren. Er schnitt in allen öffentlichen Telephonzellen die Hörer ab, erfand den Friedheimer Telephonvandalen, steigerte sich bis zum Wahn in seine Schlagzeilenwelt und brach am Ende erschöpft zusammen.

Als 1989 die Grenze aufging, schlief Willi Busch. So beginnt Schillings "Deutschfieber". Busch hat seither völlig zurückgezogen gelebt, und in einem Schuppen verrostete sein gelber Messerschmitt. Jetzt aber ist es mit der Ruhe vorbei. Als stinkende Nebelwolken ziehen Trabi-Abgase durch die Friedheimer Wohnungen und verdunkeln den Himmel. "Bis gestern waren wir ein Luftkurort. Unser schönes Friedheim an der Werra – es war einmal." Güterwaggons voll Stasi-Akten werden abtransportiert, in einem Forschungszentrum der Ex-DDR wachsen gefräßige Monster heran, weiße Echsen (sogenannte Goliaths), und aus den Trabis quillt eine gelbliche Masse. Die deutsche Wiedervereinigung: Krähwinkel überfällt Krähwinkel – eine Selbstzerfleischung.