Diese Stadt braucht keine Helden. Sie spielt selbst den Helden in diesem Film. Dabei ist Hudson City eine Stadt wie jede andere. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Züge sind ausdruckslos. John Sayles hat mit Hudson City alle amerikanischen Städte auf den Punkt gebracht: eine Stadt ohne Geschichte, eine Stadt voller Geschichten.

Gut drei Dutzend mehr oder minder gleichgewichtige Sprechrollen gibt es in "City of Hope", eine Stafette der unterschiedlichsten Typen, die abwechselnd die Aufmerksamkeit beanspruchen. Sayles veranstaltet einen Reigen wie etwa Robert Altman in "Nashville" oder Chantal Akerman in "Eine ganze Nacht" – er bringt die Verhältnisse zum Tanzen, indem er ihnen ihre eigene Melodie vorspielt.

Sayles ist weniger an der Topographie der Stadt als an ihrer Choreographie interessiert. Nicht vom Stadtplan läßt er sich leiten, sondern vom sozialen Gefüge. Sein Film spürt den Kräften nach, die in der Gesellschaft wirken: Liebe und Gewalt, Freundschaft und Erpressung, Solidarität und Korruption. Die Geschichte reiht die Figuren nicht wie Perlen auf eine Kette, sondern zeigt sie als Knoten in einem Netz, das so gewaltig wie unentwirrbar ist. So gibt es immer wieder neue Anknüpfungspunkte, und je nachdem, welchem Faden man gerade folgt, ändert sich auch die Perspektive.

Mit Nick fängt es an, mit Nick hört es auf. Aber daß man Anfang und Ende des Fadens kennt, heißt nich, daß sich das Gewirr leichter entknoten ließe. Nicks Vater gehören Gebäude in den Slums, die einem Neubau weichen sollen. Doch der Vater läßt sich nicht einmal vom Bürgermeister unter Druck setzen. Dieser wiederum wird selbst vom Staatsanwalt unter Druck gesetzt, der einige Fälle von Korruption aufzudecken droht, wenn das Bauvorhaben scheitert, an dem jener beteiligt ist. Am Ende werden die Gebäude tatsächlich brennen, weil Nicks Vater wegen seines Sohnes erpreßbar geworden ist. Aber dazwischen liegen etliche Stationen, die durch mehr als nur Ursache und Wirkung miteinander verbunden sind. Sayles’ Kunst liegt darin, das komplexe Durcheinander in größter Einfachheit darzustellen. Das mag daran liegen, daß Sayles das Handwerk des geradlinigen Erzählens von der Pike auf gelernt hat: bei Roger Corman, für den er in den siebziger Jahren Filme wie "Piranhas" oder "Der Horror-Alligator" geschrieben hat.

Mit dem so verdienten Geld hat Sayles Anfang der achtziger Jahre seine ersten eigenen Filme gedreht: "Die Rückkehr nach Secaucus", "Lianna", "Baby, It’s You" und "Der Typ vom anderen Stern". Gleichzeitig verfolgte er seine Karriere als Schriftsteller, die ihm mindestens genausoviel Ansehen einbrachte. Sayles ist ein Autor durch und durch, der die Möglichkeiten und Fähigkeiten hat, Literatur und Kino einander befruchten zu lassen. Das sieht man schon an der Art, wie er lustvoll Kameraschwenks einsetzt, um sein romanhaft weitläufiges Personal unter einen Hut zu bringen.

Jemand kommt des Weges, und schon läßt sich die Kamera ablenken, wendet sich von ihrem bisherigen Gegenstand ab und folgt dem nächsten ein Stück weit durch sein Leben. Fast tänzerisch bewegt sich der Blick durch die Geschichte und gibt sich immer wieder neuen Rhythmen hin. Wie in einem Musical kommt man sich manchmal vor. wo alles mit allem zusammenhängt und nichts sich dem gemeinsamen Takt entziehen kann.

Ein System kommunizierender Röhren ist diese City of Hope: Druck entsteht, Druck verteilt sich, Druck entlädt sich. Schon die letzten Filme von John Sayles erzählten davon, wie sich Gemeinschaften unter Druck verhalten. "Acht Mann und ein Skandal" schilderte, wie das Baseball-Team der Chicago White Sox im legendären Bestechungsskandal 1919 unterging. Und in "Matewan" ging es um die blutige Niederschlagung eines Bergarbeiterstreiks in West Virginia ein paar Jahre später. Beide Filme versickerten bei uns unbemerkt auf dem Videomarkt. Das Kapital sitzt immer am längeren Hebel.