ZDF, Sonntag, 1. November: "Von Bäumen und Menschen"

Das "Waldsterben" ist als Thema verwelkt, als Wirklichkeit aber immer aktueller. Bäume können nicht davonlaufen, also müssen sie, wenn Wasser fehlt, Wind vergiftet ist und Holzfäller nahen, eingehen. Das ZDF stemmt sich tapfer gegen eine Tagesordnung, die den Baum abhaken will, und gedenkt des preisgegebenen Mitgeschöpfs in einer ganzen Reihe. Sie heißt "Von Bäumen und Menschen", läuft über knapp acht Wochen und stellt 29 Beiträge zum Thema vor: Der größte Teil davon ist eigens für diesen Schwerpunkt produziert. Aber auch alle Kinder- und Kultur-Sendungen, die irgendwie baumnah ausfallen, kriegen den Reihentitel verpaßt.

Zuviel des Guten? Keineswegs. Das Fernsehen ist nun mal wie kein Medium sonst imstande und deshalb auch verpflichtet, die Umwelt-Misere und die Agonie der Natur zu dokumentieren: täglich, wöchentlich und – warum nicht – reihenweise.

Daß einst ein spanisches Eichkätzchen von den Pyrenäen bis zum Gibraltar hüpfen konnte, ohne ein einziges Mal den Boden zu berühren: Hätten Sie’s gewußt? Die ganze Halbinsel war ein grünes Meer. Als die Spanier ihre Armada bauten, jene, die 1588 von den Engländern versenkt wurde, rückten sie erstmals in großem Stil ihren Wäldern zu Leibe. Die moderne Industrie fraß weitere Stücke des iberischen Dschungels kahl; heute gibt es in Spanien einen Wüstenstreifen, der stetig wächst. Was wird aus den Steineichenwäldern, wenn die Estremadura das angestrebte EG-Niveau erreicht? Was aus den Korkeichenwäldern, wenn Andalusien noch enger an den Weststandard anschließt? Das sind Fragen, die Dieter O. Holzinger in seinem Film "Die Wüste greift nach Europa" stellt, Fragen, für die man sich wirklich und nicht bloß abstraktmoralisch interessiert, wenn man sieht, wie die verbliebenen Wälder ihre Kronen wiegen und Wolf und Bär leibhaftig um die Stämme streichen.

Der Schloßpark zu Türnich, zwischen Aachen und Köln gelegen, sollte der Braunkohle geopfert werden. Das nahe Dorf hatte man schon abgerissen, die Bewohner umgesiedelt und den Grundwasserspiegel gesenkt. Aber es stellte sich heraus, daß der Boden unterm gräflichen Anwesen keine Kohle barg; also kehrte der "größte Schaufelradbagger" der Welt gnädig um. Die Parkbäume starben dennoch, sie hatten kein Wasser mehr.

Nur Liebhaber hatten sie. Der Bibliothekar im Schloß entdeckt den alten Grundriß des Englischen Gartens. Ein "Geomantie-Künstler" wird gerufen, der auf dem Plan erkennen kann, wie die Kraftfelder des bedrohten Biotops verlaufen müßten, und es mittels "Lithopunktur", das ist: Eintreiben symbolträchtiger Steinblöcke in die Energieknotenpunkte des Parkes, heilt.

Diese Saga von der "wundersamen Rettung" uralter Bäume, von Günther Myrell mit überflüssiger Rahmengeschichte, aber herrlich rauschenden Bildern verfilmt, bot den Gegenpol zum "spanischen Drama". Hier durfte man hoffen, daß das Verhängnis aufzuhalten und Bruder Baum zu retten sei – wenn auch nur durch Zauberei.