Der Streik ist ein Ereignis, das spricht und von dem man spricht", bemerkte die französische Sozialhistorikerin Michelle Perrot in ihrer Studie "Jeunesse de la grève" (1984): "Seinetwegen und in seinem Umfeld vervielfältigen sich die Beobachtungen, werden die Griffel gespitzt; nicht nur die der Ordnungshüter, auch die der Chronisten und Erzähler, die der Journalisten, die der Streik in die Arbeiterquartiere lockt." Und auch die Maler haben sich davon inspirieren lassen. Das hier gezeigte Bild "Der Streik" von Robert Koehler, Sohn eines Maschinenschlossers aus Hamburg, der nach Milwaukee ausgewandert war, wurde erstmals 1886 auf der Frühjahrsausstellung der National Academy of Design in New York ausgestellt, zu einer Zeit, als es in Europa und in Nordamerika zu einer Serie spektakulärer Arbeitskämpfe kam.

Die Dramatik der Szene teilt sich dem Betrachter sofort mit: Der Fabrikbesitzer, kalt und abweisend, auf der obersten Stufe der Treppe; unter ihm der Sprecher der Streikenden, der auf jene zeigt, in deren Namen er seine Beschwerden vorbringt; eine Frau, die ihren aufgebrachten Mann zu beschwichtigen sucht; ein Arbeiter, der sich bückt, um einen Stein aufzuheben. Hier hilft – so scheint die Geste anzudeuten – nur noch Gewalt. Doch der Stein wird nicht geworfen, die Villa nicht gestürmt.

Dem jungen Peter Weiss, in dessen Bremer Elternhaus ein Reproduktionsstich aus Harper’s Weekly hing, erschien dies als ein großes historisches Versäumnis. "Wie oft" – so erinnert er sich in seiner "Ästhetik des Widerstands" – "hatte ich versucht, mir vorzustellen, mit welcher Leichtigkeit die Treppen genommen und der Alte mit einem Schlag erledigt werden könnte, doch diese Vorstellung war in sich gebrochen, denn wir wußten, weder in Amerika, noch bei uns, war diese einfache Handlung gelungen. Nur in Rußland hatten sie den Schritt die Stufen hinauf gewagt." Und waren, wie wir heute wissen, damit auch nicht gut gefahren.

Der Erwerb des Gemäldes war für das Deutsche Historische Museum in Berlin Anlaß, in diesem Jahr im Zeughaus eine Ausstellung über "Realität und Mythos" des Streiks zu veranstalten. Die hier gezeigten Exponate, ergänzt um Beiträge zur Geschichte der Streiks und ihrer öffentlichen Wahrnehmung, sind noch einmal zu besichtigen in einem schön gestalteten Katalogband: kein Heldenepos von einer kämpfenden Arbeiterklasse, keine mythische Verklärung des Riesen Proletariat, wohl aber eine ferne Erinnerung daran, was einmal Solidarität hieß und wieviel gesellschaftliche Phantasie sie freisetzen kann.

Volker Ullrich

  • Streik

Realität und Mythos

Herausgegeben im Auftrag des Deutschen Historischen Museums von Agnete von Specht; Argon Verlag, Berlin 1992; 174 S., 39,80 DM