Umberto Eco ist ein vielbeschäftiger Mann. Nicht nur, daß er immer mal wieder einen Weltbestseller schreiben muß, der natürlich die volle Präsenz in den Public Relations verlangt; nein, er ist ja auch von seinem angestammten Beruf her Universitätslehrer, seines Zeichens Semiotiker. Die Semiotik ihrerseits ist immer noch eine der größten Wachstumsbranchen unter den wissenschaftlichen Disziplinen. Die Umschlaggeschwindigkeit ihrer Produktionen ist beeindruckend. Ihre Kongresse tanzen, kaum daß ihre Symposien noch sitzen. Und wer hätte nicht gerne einen Eröffnungsredner, wenigstens einen Referenten Eco dabei! So fügt es sich, daß Umberto Eco zwischen heimischen Lehrveranstaltungen, ausländischen Gastprofessuren, der Herstellung von Weltbestsellern und der nötigen Öffentlichkeitsarbeit zahlreiche Eröffnungsreden und Referate halten muß. Die aber wollen keineswegs jenes Begräbnis dritter Klasse, das sich "Kongreßakten" nennt; nein, sie müssen sich runden zu einem eigenständigen Buch, eben einem "Eco" – dem "neuen Eco". Und da ist er denn: "Die Grenzen der Interpretation".

Ein Waschzettel des Verlages – ein ganz wunderbares Beispiel dieser zu Unrecht von den Interpreten vernachlässigten Textsorte – bahnt dem neuen Eco den Weg. Am Anfang steht ein origineller Einfall des Autors: Jack the Ripper als Interpret der Evangelien. Ah, denkt der Leser, nicht bloß ein neuer, sogar ein echter Eco, Mord + Bibel, Krimi + Witz. Und am Schluß des Waschzettels erfährt er zu seiner noch größeren Befriedigung, daß die von Eco aufgestellten Kriterien der Interpretation auf "dem gesunden Menschenverstand" beruhen und "dem Prinzip des geringsten Aufwands". Was das letzte heißen soll, weiß er noch nicht sofort, aber das erste: ganz klar!

Dann freilich begeht der Leser einen Fehler. Nein, nein, ich meine nicht den Kauf – das muß sein; aber hätte er denn das Buch auch öffnen müssen?! Schon auf der ersten Seite der Einleitung fällt über ihn die "Semiose" her, die auf Seite zwei den Weg zum "Signifikat der synkategorematischen Wörter" einschlägt, auf Seite 43 der Unterscheidung zwischen "semantischer", "semiotischer" und eben "semiosischer Interpretation" überantwortet wird, um später als "hermetische Semiose" nach den Gesetzen der "isotopischen Ökonomie", manchmal aber auch mit den Mitteln der "Meta-Abduktion" in ein "konnotatives Neoplasma" überzugehen. "Zuviel des Guten", möchte man sagen, wie wahr.

Aber ist denn der Leser nicht selber schuld? Geschieht ihm nur recht! Hätte er nur genau gelesen, ich meine das Buch, nicht den Waschzettel, dann wäre er schon auf Seite neunzehn auf das freimütige Bekenntnis gestoßen, daß die ersten drei Teile des Buches "sich an Fachleute wenden und deshalb viele Begriffe", die der Autor an anderen Stellen "erarbeitet hat, als bekannt voraussetzen". Ein Glossar, zumindest ein Index, das wär’s unter diesen Umständen. Aber warum hier ein Glossar zur Verfügung stellen, wo doch schon alles in anderen Büchern steht, die man natürlich auch kaufen kann! Außerdem folgt ja noch der vierte Teil, den der Leser sogar "als ersten lesen kann", sofern er nur zu den "theoretisch stärker interessierten Lesern" zählt. Und wie er das tut! So greift er gleich zum vierten Teil, bis er exakt auf Seite 383 auf diesen Passus stößt, dessen – keineswegs fahrlässig aus dem Zusammenhang gerissenes – Zitat wir auch anderen theoretisch interessierten Lesern nicht vorenthalten wollen:

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