An die 150 Löwen haben sich hier versammelt – große und kleine, realistische und stilisierte, kunstvolle und kitschige, ägyptische und chinesische, menschenähnliche und den Göttern verwandte: ein wunderschönes Bilderbuch für Löwenliebhaber.

Der Gutsverwalter Eugen Diederichs hatte sich zu Ende des vergangenen Jahrhunderts in den Florentiner Löwen des Renaissance-Bildhauers Donatello (1386 bis 1466) verliebt. Als er beschloß, einen Verlag zu gründen (1896 in Florenz und Leipzig, 1904 in Jena), wählte er den Donatello-Löwen zum Signet dieses Verlages. Wie also konnten seine Nachfahren einem Buch "Auf den Spuren des Löwen" widerstehen, von zwei Italienerinnen geschrieben, gleichzeitig in Venedig und München veröffentlicht? Dem verdanken wir, die wir, aus welchen Gründen auch immer, Affinitäten zum Löwen haben, einen liebevoll hergestellten Band, in dem zu blättern interessant ist und Vergnügen bereitet.

Die Autorinnen gliedern ihre anregenden Beobachtungen und Lesefrüchte in drei Kapitel. Im ersten erfahren wir zunächst ganz Sachliches: daß Löwen etwa drei Meter lang, einen Meter hoch sind, zweihundert Kilo wiegen und durchschnittlich zwanzig Jahre leben, in Gefangenschaft länger. Wir werden darauf hingewiesen, daß in keiner anderen Katzenfamilie sich die weiblichen Mitglieder so stark von den männlichen unterscheiden, denen im vierten Lebensjahr eine mächtige Mähne wächst.

"Das Reich des Löwen", Kapitel zwei, beginnt mit der Vision des Propheten Hesekiel, in der die vier Evangelisten auftauchen, wobei dem Markus der Löwe zugeordnet wird. Wie wichtig das dann für die Herrschaft des Löwen auf europäischen Bildern und Skulpturen wurde, als die Venezianer sich diesen Markus zum Schutzheiligen erkoren, geht in der Fülle gelehrter Abschweifungen unter. Es folgen Ausblicke nach Kleinasien mit seinen ungezählten Löwenmythen, bis wir endlich, auch eher unversehens, bei den Pyramiden von Gizeh zum größten und interessantesten aller Löwenmenschen kommen, dem über 73 Meter hingelagerten ägyptischen Sphinx. Sein Kopf ist wahrscheinlich der eines Pharaos und auf jeden Fall männlich. Wie aus dem Sphinx von 2250 v.Chr. auf seiner beinahe tausendjährigen Irrfahrt durch Kleinasien die Sphinx, also ein weibliches Wesen, wurde, bleibt unerörtert.

"Die Wege des Löwen", Kapitel drei, beginnen mit den zwölf Standbildern im Patio de los leones der maurischen Alhambra in Spanien. Es gibt auf Sockeln und Simsen die allerunterschiedlichsten Löwen: furchtbare und drollige, eindrucksvolle und komische, solche, die Menschen, und solche, die nicht einmal Löwen ähnlich sehen. In unserem Löwenbuch muß man sie nehmen, wie sie kommen. Der Versuch, die verschiedenartigsten Stilisierungen zu charakterisieren oder gar zu erklären, wird nicht gemacht. Keine Löwen erinnern mich so sehr wie die der Alhambra an Gottes Arbeitsbericht in Heines Schöpfungslied: "... nach den Löwen mit den Tatzen / mach ich lieber kleine Katzen".

Rudolf Walter Leonhardt

  • Giovanna dal Magro/Anna Paola Zugni Tauro:

Auf den Spuren des Löwen Eine Kunst- und Kulturgeschichte; Diederichs Verlag, München 1992; 160 S., Abb., 78,– DM