Von Bodo Kirchhoff

Im Eingang eines berühmten Verlages hängen die Photos namhafter Hausautoren. Manche waren bei Entstehung der Bilder in meinem Alter, manche waren jünger. Betrete ich den Verlag, schaue ich in die mahnenden Augen meiner nicht gealterten literarischen Väter und Mütter; neue Photos scheinen unauffindbar, für meiner zende fehlt der Platz. Eine Galerie der ewigen Jugend – wie kann sie sich halten, warum wundert sich niemand?

Es gab bei uns eine Zeit, in der Schriftsteller Einfluß auf die öffentliche Meinung hatten. Diese Zeit ist vorüber. Der Zusammenbruch des Sozialismus hat die letzten Autoren alten Schlages – Idealisten, Utopisten, Märtyrer, Hofnarren, Renegaten, Zwischen-allen-Stühlen-Sitzer – aus dem Paradies der Freund/Feindverhältnisse vertrieben. Etwas ratlos (wie die Soldaten, die eigentlich nichts mehr zu tun haben) leben sie nun alle, grenzenlos, in Deutschland und hoffen auf Marktanteile.

Wir sind Kollegen in der Ohnmacht. Die Räuber-und-Gendarm-Jahre sind vorbei; wer über das Böse schreibt, muß wieder zur Bibel greifen, wer sich auf den Grund gehen will, muß Physik und Chemie studieren, die alten Griechen lesen und die neuen Feministinnen kennen, eine Psychoanalyse machen und am Ende mit offenen Fragen leben. Unser Einfluß ist winzig geworden.

Ich sage das nicht triumphierend. Es ist eben so. Aber zum Trost gibt es die Medien, zum Trost gibt es die Buchmesse: das Licht, das nicht aus uns kommt, sondern auf uns geworfen wird. Vorübergehend werden wir von vielen bemerkt, das ist unsere Chance – in der Macht von Autorinnen und Autoren liegt es heute, in den Zeiten der Schausucht, nur noch, durch Offenheit zu verblüffen. Sie erstatten Selbstanzeige; jede Zeile, die hier steht, soll genau diese Art von Aufmerksamkeit erregen, die der Enthüllung eigener Schwächen stets sicher ist. Nur: wer auf die Schausucht baut, muß mit seiner Zeigesucht rechnen – und letzten Endes mit einem gewissen Ekel des Publikums. Je öffentlicher sich meine Offenheit vollzieht, desto mehr schwinden Bedeutung und Einfluß als Autor; mein gestochen scharfes Bild auf dem Fernsehschirm ist ein Pyrrhussieg: öffentlich offen schiebe ich mich wie künstlicher Nebel vor meine Arbeit, keine Zuschauerin und kein Zuschauer kommt herum um den etwas billigen Anblick. Wer sich als schreibende Person glänzend schlägt, erscheint als Schriftsteller bald zweifelhaft; Schriftdarsteller träfe dann eher zu.

Das war nicht immer so, wenn man an Brecht und Thomas Mann denkt, an Grass oder Frisch. Was ist geschehen?

Diese Frage führt wieder zur Selbstanzeige. Für mich gilt, daß ich aus dem herkömmlichsten aller Gründe schreibe, nämlich um ein Leiden oder Unbehagen an mir zu mildern, mich also durch Schreiben besser zu fühlen, freilich mit dem Nebeneffekt (im Laufe der Jahre), daß ich dadurch auch besser dastehe; mein Leiden trägt nicht das bleiche Antlitz der Emigration oder die gequälten Züge der Gewissensnot. Mein Leiden äußert sich nicht glaubhaft, leider. Und hätte ich es als Verwalter und Kommentator von Literatur mit mir und meinesgleichen zu tun, würde ich mich vielleicht auch an die liebgewonnenen Bilder des Jammers klammern und einen Kanon von Namen hochhalten, denen die bewährten Motive anhaften: Verfolgung, Verleumdung, Verbitterung; Einsamkeit, Armut, Wahnsinn.