Von Verena Auffermann

Skeptizismus, Nihilismus und Individualismus hatten Ende 1965 die Machthaber zum Staatsfeind ihrer Demokratischen Republik erklärt. Vor der zersetzenden Mode einer den Westen in Atem haltenden Beatgeneration sollten die Genossen beschützt werden. Deshalb wurden Kontrollen und Zensur verschärft, deshalb wurde Irmtraud Morgners drittem Buch, dem Roman "Rumba auf einen Herbst", die Druckerlaubnis verweigert und das Manuskript sicherheitshalber kassiert. Irmtraud Morgner blieb von ihrem geistigen Besitz nichts als eine passagenweise unleserliche Durchschrift. Dennoch wurde das Buch zur Legende, in jeder Bibliographie aufgeführt, in keiner Bibliothek vorhanden. Mit dem Romantorso, der Irmtraud Morgner geblieben war, ging sie sparsam um. Passagen, manchmal Zeilen, mal Seiten hat sie teils wörtlich, teils leicht verändert in ihr Hauptwerk "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz" und in Erzählungen übernommen. Durch Philologenfleiß ist jetzt jedes Bruchstück auffindbar, jeder Weg zwischen Original, Kopie und Abweichung bekannt.

"Ich beneide den Emigranten Ovid, man müßte seine Koffer packen ... aber die Zäune sind zu hoch", schrieb Irmtraud Morgner 1965 in einem Brief, der sich ebenso wie das "Rumba"-Manuskript im umfangreichen Material befand, das die Schriftstellerin bei ihrem Tod 1990 hinterließ.

"Rumba auf einen Herbst" ist ein Berlin-Roman. Architektur, Geräusche, Gerüche und Milieu der Stadt. Die Menschen, die hier leben, halten ihren Rhythmus ein, bis sie etwas Unvorhergesehenes aus dem Gleichgewicht bringt. Ev ist ohne Uwe in Urlaub gefahren, Lutz ohne Karla. Die Ordnung ist gestört, die Unordnung schiebt die Gedanken an. Irmtraud Morgner will, daß sich die Biographien kreuzen. Sie untersucht die Wechselwirkung von Liebe, Gewohnheit und Vergangenheit.

Der Roman hat eine doppelte Begleitmusik: den Rumba, denn der Roman spielt zur Zeit der Kuba-Krise 1962, und die Schalmeienmusik. Irmtraud Morgner stellt den vergänglichen Menschen mythisches Personal zur Seite. Persephone ist aus der Unterwelt auf Urlaub wie Ev aus Ost-Berlin Persephone sitzt mit ihrem Freund auf einer Wolke und sagt: "Wenn ich für immer zu meinem Mann zurück muß, bin ich unsterblich tot." Persephone hat ihren Mann in der Unterwelt gelassen Ev ihren in einer Zeitungsredaktion. "Verzeihung, sind Sie der Kollege Mensch, der hier sitzt?" fragt Ev mit dem roten Haar Lutz, der springt auf: "Ich dachte, Sie sitzen im Salon und nehmen übel."

Irmtraud Morgners Sprache paßt sich dem Jargon der Personen an. Gehetzt, rüpelig, kaltschnäuzig, frech, verzagt. Sie kann ihre Helden in Liebesbilder hineinreden und ihnen in der bitteren Sprache der Tunichtgute und Habenichtse hinterherschreien. Die Übergänge von den unter freiem Himmel lebenden Griechen zu den in klammen Räumen eingeschlossenen Berlinerr. passiert die Morgner unbekümmert, als gäbe es keine Schwelle zwischen Dies- und Jenseits vom Paradies. Der Rückgriff auf den Fundus der Antike ermöglicht Kritik. Persephones Schicksal wird zum Leitmotiv, ihre Verbannung in die Unterwelt zur Metapher. Die Strahlen, die den Sonnengott Helios umgeben, stellt sie der alles Leben ausblendenden Kraft der Atombombe gegenüber.

Ev, Uwe, Lutz, Karla und Kai sind um die Dreißig, so alt wie damals die Autorin selbst. Das Leben ist geplant. Man ist verheiratet, hat einen Beruf, so könnte es bis ans Ende gehen. Irmtraud Morgner zeigt ihre Figuren beim Reden und Phantasieren. Vor allem Karla. Während ihre Kinder oben Mittagsschlaf machen und Lutz an seinem Urlaubsort sonst was treibt, fliegt hinter Karlas Stirn ihr Leben vorbei. Der Hinterhof ist die Kulisse, eine alte Frau das Publikum, das nichts sieht, nichts hört, nichts kapiert. Die Morgner entwickelt, flüchtig, wie Erinnerungen sind, Karlas DDR-Durchschnittsbiographie: erste Liebe zu Kai, der gesagt hatte, daß das Leben weder sinnvoll noch sinnlos, daß alles nur eine Scheinfrage sei, Nachdenken über die Situation der Frau. Irmtraud Morgner, in ihren späteren Büchern als Streiterin für die Rechte der Frau bekannt und verhaßt, beginnt mit dieser Schwerarbeit in "Rumba für einen Herbst" liebenswürdig, aber ohne Hoffnung. Mit Karlas kleinem Schicksal stellt sie das unter Beweis. Karla muß sich opfern, ihr Gegenbild Ev darf schon wie eine Frau aus unseren Tagen sprechen: Ey hat mit sich zu tun! Gegen die Perspektive der Jungen hält die Autorin die Sicht der Alten, gegen die Atmosphäre der Arbeiter die der Wissenschaftler. Als der Physiker Kai gefragt wird, wie Ideen entstehen, antwortet er: "Indem man mit seiner Phantasie nachdenkt." Der "Skeptizismus" und "Individualismus" Kais und Evs wird den DDR-Kulturwächtern als verderbliche Ware aufgestoßen sein. Das Reservoir an Ironie wird ihnen auch nicht gefallen haben, denn die Morgner zerbröselt in herrlich komischen Wendungen den DDR-Alltag. Sie stellt die Eltern und Kinder des jungen Staates vor, der gerade erst von der Mauer eingerahmt worden war.