Von Reinhard Baumgart

Was für eine rasche, zarte und doch robuste Karriere. 1989, mit 25 Jahren, hat Thomas Hettche seinen ersten Roman „Ludwig muß sterben“ veröffentlicht, und selten ist ein Debüt mit so breiter und tiefer Bewunderung, ja mit einer so seufzenden Erleichterung aufgenommen worden, als wäre mit diesem virtuos kühnen Textgebilde die Zukunft einer jungen deutschen Literatur erst einmal gesichert. Preise regneten warm und freundlich auf das neue Talent. Nun, nach drei Jahren, erscheint ein neuer schmaler Band mit zwanzig Prosastücken, erscheint als Zwillingspaar, einmal in einer Volksausgabe der edition suhrkamp („verzichtet wird auf typographische Gestaltung“, wie der Verlag barsch kommentiert), parallel aber in einer Sammler- und Luxusedition, einmalig, numeriert, teuer und von Autors Hand signiert.

Solche Nachrichten reizen. Zu weiterer Bewunderung wie auch zu Häme, Neid oder Mißtrauen. Thomas Hettche allerdings, soviel scheint auf den ersten lesenden Blick klar, hat sich von frühem Ruhm, von Hysterie und Erwartungsdruck nicht dazu verführen lassen, mit großer Geste gleich in seinem zweiten Buch ein frühes Versprechen prompt und pompös einzulösen, also womöglich den prägenden Roman des neuen Jahrzehnts zu wagen. Im Gegenteil, seine neue Prosa laboriert in einem merkwürdig waghalsig embryonalen Zustand, als gäbe es diese Spanne zwischen Texterzeugung und Textgeburt. Hingebungsvoller noch als der Ludwig-Roman prüft hier das Erzählen fortlaufend sich selbst, seine Voraussetzungen und Bedingungen, immer wieder hinaustastend in Möglichkeiten der Fiktion und immer wieder, geradezu emphatisch zurückweichend in ein schönes Gefängnis aus nichts als Sprache, ein gläsernes, aber dichtes Gehäuse.

„Selbstreferenz“ heißt die dünne Luft in diesem Glashaus, das wissen spätestens seit den achtziger Jahren auch deutsche Oberseminare, und aus ihnen wie aus den Einsichten und Moden des vergangenen Jahrzehnts stammt unverkennbar die Schreibklugheit, Schreibempfindlichkeit, von der sich Hettches Texte führen lassen, so kühn wie vorsichtig. Etwa, um noch im Monat des Erscheinens reif zu sein fürs Museum, ein Prunkstück für postmoderne Auslegungsversuche, die in den Text selbst schon als lockendes und lesbares Palimpsest eingeschrieben worden sind? So könnte vorlaut das Mißtrauen fragen. Wer Geduld hat und Sympathie für die atemberaubende, auch verstörende und verkrampfte Dichte dieser Prosa, wird sie zunächst anders lesen.

Was wäre, wenn, das ist die sich in immer neuen Variationen versuchende Spielbedingung der Texte, auf die der inflationär verbrauchte Begriff Experimentalliteratur, Versuchs-, ja Versuchungsliteratur tatsächlich wieder zutrifft. Was wäre, wenn zum Beispiel (im ersten und weitaus längsten Stück der Sammlung) sich die Geschichte von Theseus im Labyrinth in eine Re-Vision hinein erzählen ließe, wenn das dem Tagträumer am Tresen einer einsamen Bar gelänge, wenn der Junge hinter der Theke, gebannt in den mythischen Namen, auch wirklich Theseus wäre und draußen wären, statt Autos im Schnee, lockend wieder Sand, Meer und das Labyrinth samt dem Ungeheuer Minotaurus, wenn nur nicht ein Mädchen drüben am Flipper lästig stören würde, wenn es sich auch einordnen, „einklinken“ ließe in diese Geschichte, als Ariadne vielleicht, und wenn dann im Labyrinth der Kampf zwischen Kreatur und Held sich endlich anders entscheiden würde oder vielleicht doch wieder nicht...

„Ariadne, ich bin dein Labyrinth“, so steht’s bei Nietzsche, und den zitiert Hettche nicht, der sonst seinen Text dicht und luxuriös bestückt hat mit intertextuellen Verweisen auf Rilke, de Sade oder das Hohe Lied, auf Brüderchen und Schwesterchen und Hase und Igel, so daß die Sprachspiele durch einen schön mitraunenden Resonanzraum laufen. Was wäre, wenn, neues Beispiel, die Halluzinationen eines Nachtwächters in Frankfurts Messehallen über ein Du, das zu Hause das Bett in der gleichen Nacht mit einem lange wartenden Er teilt, wenn das Wahrheit wäre oder auch „nur“ Wirklichkeit – aber gibt es dieses Zuhause und Du, außer in einer nächtlich anhalluzinierten Geschichte?

Und doch vermittelt dieses notdürftige Herunterreferieren der Erzählanläufe nichts von der konjunktivischen Lüsternheit dieser im Aggregatzustand der bloßen Möglichkeit vibrierender Prosa. Präzise murmelnd treibt sie durch ein selbsterzeugtes Niemandsland, zwischen Wachtraum und Erzählung, zwischen selbstgenügsamen Sprachprozessen und der Lust an Bildern, an Imagination und Inszenierung. Hettches Erzählexerzitien agieren so narzißtisch wie kokett: Sollen sie sich nun hingeben, einer Geschichte, einer Figur, einem unabsehbaren Erzählverlauf und damit auch dem Leser? Oder nicht doch lieber blendend weiter um sich selbst kreisen, als kostbar ratlose und doch souveräne, „selbstreferentielle“ Entzugserscheinung?