Von Willi Winkler

Wärter: Sie sind unschuldig. Valentin: Warum?

Aus dem Kurzfilm "Der Sonderling" (1929)

Alt, krank, einsam, vergessen, wie es sich für ein Genie gehört, ist er gestorben, der einzige Bayer mit Weltniveau, termingenau am Rosenmontag 1948. Am Aschermittwoch haben sie ihn eingescharrt, und vorbei war’s.

Manche werden erleichtert gewesen sein, das große Publikum hat’s nicht mal gemerkt. Als Karl Valentin nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Anmaßung und Demut zuckende Briefe an den Bayerischen Rundfunk schrieb und um Arbeit bettelte, lehnte man ihn "wegen Humorlosigkeit" ab. Das gesunde Volksempfinden, das zwölf Jahre Zeit gehabt hatte, sich ordentlich fortzubilden, wußte es besser und hatte in Hörerbriefen gegen die alten Kamellen des aus der Mode gekommenen Valentin protestiert. Der Humorist hungerte und lebte in seinem erlernten Beruf: Er drechselte und schreinerte und tauschte seine Werkstücke beim Metzger gegen Fleisch. (Im "Theaterbesuch" von 1934 ißt er eine Wurst vorm Spiegel, wegen der doppelten Portion.) Verhungert ist er nur deswegen nicht, der Raubritter von München, draußen in Planegg, weil er rechtzeitig an einer Erkältung einging.

Das Volk der Bayern hat ihn auf dem Gewissen. Mit ihrem eigenen Sinn für Humor haben sie ihn, als er lange genug tot war, dann doch wieder ausgegraben und seine Filme unter der Annonce "Unsterblicher Valentin" ins Kino und Fernsehen gebracht.

Wenn heute mit "Orden wider den tierischen Ernst", Valentin-Gedenkmünzen und Musäen zuhauf ein schwunghafter Reliquienhandel in seinem Namen betrieben wird, so hat das mehr mit Leichenschändung als der Erkenntnis zu tun, daß vor langer, langer Zeit einmal ein ganz Großer unter uns wandelte. Er war halt doch ziemlich fremd hier.