Ganz besonders dem Reichsgaudiburschen Heinz Rühmann neidete Valentin den Erfolg: „Ich bin finanziell nicht auf Rosen gebettet, schon eher auf Brennesseln“, schreibt er 1937 an den Produzenten H. H. Zerlett. „Herr Rühmann (bitte um Diskretion) spielt jährlich mindesten[s] 3 Filme à 20.000,– Mark (warum) seine Frau soll nicht arischer Abstammu[ng] warum hat [ ... ] dieser Mann den Vorzug? Soll ich mich auch noch scheiden lassen und eine andersrassige Dame heiraten?“ frägt der Denunziant heuchlerisch. Umgekehrt bekam er mit seinem antisemitischen Ausfall recht: 1938 ließ sich Rühmann auf Druck der Nazis von seiner jüdischen Frau Maria Bernheim scheiden, um seine weitere Karriere nicht zu gefährden. Warum ausgerechnet diese heikle Stelle kommentarlos mit Auslassungszeichen markiert ist, erläutert der wissenschaftliche Anhang leider nicht.

Valentin verhielt sich im „Dritten Reich“ so unpolitisch wie davor und danach, er machte jedenfalls nicht mit. Doch dürfte es schwerhalten, ihn zum Widerstandskämpfer zu erheben, dafür fehlte ihm offenbar schon die Intelligenz. Seine deutlichste Äußerung gegen Hitler stammt von Liesl Karlstadt, die mit der Nummer „Die deutsche Laugenbretzel“ die Hitler-Rhetorik parodierte: „Es war in den bitteren Jahren der Systemzeit, als ein internationales Juden- und Verbrechertum den Absatz der deutschen Laugenbretzel zu vernichten drohte, und wiederum waren es einige mutige, tapfere, beherzte Männer, die die Kultur der Laugenbretzel hinaustrugen in alle deutschen Gaue und der Erfolg davon war ein einzigartiger Siegeszug der bisher verachteten Laugenbretzel.“ Valentin war beim besten Willen nicht der „Linksdenker“, den Tucholsky sich mit ihm verschrieb. Egal, wie die anderen schmückenden Epitheta heißen, die diesem Finsterling angepappt wurden, um ihn kleinzuhalten oder wenigstens zu begreifen, er erreicht sie nicht. Die Briefe lassen ahnen, daß Valentin dem Niveau seiner Darbietungen gar nicht gewachsen war, nicht wußte, was er tat. Er war konservativ und kunstfeindlich, ganz und gar der Kleinbürger, den er darstellte. Wahrscheinlich haben ihn erst seine „Depp resionen“, mit denen er die selber leidende Liesl Karlstadt volljammert, zu dem genialen Untier gemacht, das die Umgebung mit dieser Sprechfolter quälen konnte. Als sie schon krank war, nahmen sie den Sketch „Beim Nervenarzt“ (1936) auf; sie spielte auch da den Doktor, er den Patienten. 1938 stellte der berufsmäßige Hypochonder eine Liste mit den Namen der 88 Ärzte auf, die er in den vergangenen zwanzig Jahren konsultiert haben will. Wer so krank ist, ist verdorben bis ins Mark und kann nicht mehr wirklich lustig sein. Die Leute kauften ihm seine Misanthropie dennoch als kernigen Humor ab. Sie weideten sich wohl an seinem Ungeschick, an seinem traumwandlerischen Talent, immer genau das Falsche zu tun und zu sagen, an seiner nervtötenden Leidenschaft, alle in Grund und Boden zu fragen, bis wirklich den Worten jeder Sinn ausgedroschen war. „Ich mein ja nur“, sagt er dann bloß.

Beim Buchversand 2001 ist vor kurzem eine ziemlich schlampige Edition mit sechs Videokassetten herausgekommen, die immerhin einige der wichtigsten Valentin-Filme versammelt. Die Kurzfilme, zwanzig, dreißig Minuten lang, sind sein Hauptwerk, so steif und vormodern sie heute wirken. Valentin hat sie, immer um Werktreue bemüht, buchstäblich vom Blatt gespielt. Hier zappelt und meckert und peinigt der echte, der autistische Valentin, und keine noch so gründliche Verschriftlichung vermag ihn besser zu fassen. Natürlich sind die Langfilme, in denen das Unglückspaar Nebenrollen spielte, nicht dabei, Max Ophüls’ herrliche Smetana-Verfilmung „Die verkaufte Braut“ oder „Kirschen in Nachbars Garten“ von Erich Engels, wo Valentin mit seinem weiblichen Ideal Adele Sandrock zusammenwächst. Der Nachgeborene fragt sich, wie die ihn damals aushielten. Heute darf sich jeder beamtete Achternbusch ungestraft auf ihn berufen. Wenn etwas überzwerch oder sonst scheps ist, muß es gleich „valentinesk“ heißen, ohne auch nur die Ahnung von der Brutalität, mit der der echte Valentin einmal seiner Partnerin und seinen Zuschauern zusetzte. Die Werkausgabe ist ein nobler Versuch, ihn endgültig unter die Erde zu bringen. Kein schlechtes Leichenbegräbnis für einen, der sich nicht tot geben will. Schlagen wir drei Kreuze drüber.

  • Karl Valentin:

Sämtliche Werke in acht Bänden

Herausgegeben von Helmut Bachmaier und Manfred Faust

Band 1: Monologe und Soloszenen;