Nahezu unerträglich ist es, dieses Grauen in Worte und Bilder gebannt zu sehen. Und doch dürfen wir uns vor dem Leiden der "Kinder von Auschwitz" nicht verschließen. "Ich muß doch davon sprechen", sagt eines von ihnen, "damit zukünftige Generationen so etwas nicht noch mal erleben müssen."

Dreizehn, die dieser Hölle entkommen konnten, waren bereit, über ihren Leidensweg zu sprechen, darüber, wie sie überleben und weiterleben konnten. Lidia zum Beispiel, bei der Befreiung aus Auschwitz ungefähr vier Jahre alt, fand Adoptiveltern, die sich ihrer liebevoll annahmen. "Wenn ich jetzt die Lidia manchmal so betrachte und mich erinnere, wie sie damals ausgesehen hat, dann fließen mir die Tränen von allein", erzählt die Adoptivmutter. Das Kind war damals halb verhungert and erfroren, durch und durch krank und verängstigt, körperlich und seelisch dem Tode näher als dem Leben. Später, beim Spielen mit anderen Kindern, kam es vor, daß sie ihnen befahl, sich hinzuknien und die Hände zu heben und dann kommandierte sie: "Du gehst jetzt in den Ofen." Sie weinte oft, hatte Angst vor Menschen, vor Ratten, vor Hunden.

Kola, ein anderes "Kind von Auschwitz", in ebenso erbarmungswürdigem Zustand von Adoptiveltern aufgenommen, konnte nicht glauben, daß Menschen eines natürlichen Todes sterben können. Seine grausame Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß Menschen nicht sterben, sondern getötet werden. Später einmal, an der Leiche eines Verwandten, suchte er nach blauen Flecken und Wunden und wollte wissen, wer ihn erschlagen habe.

Tadeusz Szymanski, ehemaliger Häftling von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern, hat den Autor, Alwin Meyer, Mitarbeiter der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und Publizist, angeregt, den Lebenswegen der "Kinder von Auschwitz" nachzugehen. Er hatte Aufnahmen von Kindern gesehen, die bei der Befreiung des Lagers entstanden waren, und das Schicksal dieser Kinder ließ ihn nicht mehr los. Er wollte wissen, was aus ihnen geworden ist, stellte Nachforschungen an und half ihnen bei der Suche nach überlebenden Angehörigen. Viele wußten ja weder ihren Namen noch ihr genaues Alter, nichts über ihre Herkunft.

Das Durchlittene kann keiner von ihnen je vergessen, immer wieder holt es sie ein. Besonders in schlaflosen Nächten wird das Schreckliche wieder lebendig. Sie leiden unter großer Nervosität, Depressionen, Angstzuständen. Die meisten quält die Frage, warum gerade sie überlebt haben, nicht die Eltern oder Geschwister. Ein erschütterndes Buch!

Gisela Heitkamp

  • Alwin Meyer:

Die Kinder von Auschwitz Lamuv Verlag, Göttingen 1992; 240 S., Abb., 39,80 DM